RYC-Chronik – we are who we archive

reclaimyourcity.net (RYC) begleitet seit 2003 als Dokumentationsplattform und offenes Netzwerk selbstermächtigte künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum.

Die folgende Chronik fasst die Entwicklungen der verschiedenen Initiativen zusammen, die auf reclaimyourcity.net dokumentiert sind. Die Ereignisse und Events können als Stammbaum von RYC gesehen werden, auch wenn diese Personen/Gruppen/Initiativen nicht unbedingt immer voneinander wussten oder bewußt miteinander vernetzt waren.

Diese Chronik ist work-in-progress, dh. nicht vollständig und offen für Korrekturen und Ergänzungen!
Kontakt: info ---ät--- reclaimyourcity.net
PGP-Key, Twitter: @reclaimyourcity

Stand: 14.09.2015

 

2003

Die Ausstellung »Backjumps - The live issue #1« zu »urbaner Kunst und Ästhetik« lädt erstmals eine noch junge Generation von Künstler*innen wie Banksy, Swoon oder Shepard Farey zu einer großen Ausstellung nach Berlin ein und lockt Interessierte und Aktivist*innen aus ganz Deutschland ins Kunsthaus Bethanien. Im ganzen Stadtraum breitet sich eine Flut selbstermächtigter Gestaltungen aus. Auch in anderen Städten gesellen sich zu den klassischen Graffiti-Schriftzügen fast zeitgleich selbstgestaltete Aufkleber, Plakate, 3D-Installationen… In Erlangen bringt die Ausstellung »Wilde Wände« lokale und internationale Aktivist*innen zusammen. Street Art wird zum Massenphänomen.

Eine Gruppe von Fotograf*innen und Aktivist*innen beginnt die vergänglichen Kunstwerke und Interventionen zu dokumentieren. Weil es zu dem Zeitpunkt nur vereinzelt Veröffentlichungen zu Street Art gibt, entwickelt sich gemeinsam die Idee, das Bildmaterial und Informationen über die Künstler*innen auf einer Website öffentlich zugänglich zu machen.
 

2005

19. August 2005: reclaimyourcity.net geht online, rechtzeitig zur Backjumps #2 (20. August bis 16. Oktober), und entwickelt sich schnell zu einer der größten Plattformen für Street Art im deutschsprachigem Raum. Nutzer*innen aus ganz Europa veröffentlichen dort Foto-Berichte aus Städten, in denen sie leben oder die sie besuchten, und treten über das angegliederte Online-Forum miteinander in Kontakt. Mit Interviews und Foto-Specials stellen Künstler*innen sich und ihre Motivationen vor, den öffentlichen Raum zu gestalten.
 

2006

22.-30. April 2006: Ein Bündnis von Stadtaktivist*innen und Graffiti-Künstler*innen ruft zu Aktionstagen gegen den Anti-Graffiti-Gipfel auf, der zeitgleich im Berliner Rathaus stattfindet. Mit Diskussionsveranstaltungen, Film-Screenings und dem Aufruf »Berlin vollzumalen« versucht das Bündnis ein sichtbares Zeichen gegen den innenpolitischen Sicherheits- und Sauberkeitswahn zu setzen. Auftakt ist eine bunte Demonstration am 22. April unter dem Motto "Graffiti ist kein Verbrechen - Gegen die Kriminalisierung einer Jugendkultur«, die mit mehreren hundert Teilnehmer*innen vom Mauerpark zum Roten Rathaus zieht.

24. August bis 07. September 2006: Eine Sticker-Ausstellung in der Fleischerei in Berlin-Mitte zeigt einen Querschnitt der derzeitigen Szene-Aktivitäten auf diesem Gebiet. Viele davon wurden in der Siebdruckwerkstatt der Fleischerei gedruckt.
 

2007

23. Juni bis 19. August 2007: RYC ist erstmals Teil der »Backjumps #3«-Ausstellung im Bethanien.
24. Juni 2007: Im Rahmen der Backjumps #3 eröffnet reclaimyourcity.net zusammen mit den Betreiber*innen der Graffiti-Website überdose.de die erste eigene Ausstellung in einem zwischengenutzten Projektraum im Bezirk Neukölln.
Über die Websites werden alle Nutzer*innen und Künstler*innen zur gemeinsamen Gestaltung der Räume aufgerufen. Wer nicht persönlich kommen kann, soll Werke schicken, die dort ausgestellt werden. Das Event ist gemeinschaftlich kuratiert, weswegen die Ausstellung einerseits die Momentaufnahme einer noch jungen Szene ist. Andererseits verhilft es dazu, dass viele Aktivist*innen sich dort begegnen, kennenlernen und vernetzen. Freundschaften, Gruppen und Kollektive entstehen. Das Motto »Reclaim Your City« verbreitet sich von nun an wie von selbst.

August 2007: Zusammenarbeit mit dem Plakatief-Plakatkollektiv für ein 18m2 großes Wandplakat in Kreuzberg .

Statistiken: Im Januar feierte reclaimyourcity.net eine Million Picture-Views. Im Juli dann das 10.000. Bild im Web-Archiv, im Februar 2008 den*die 1000. Nutzer*in.
 

2008

In Hamburg schließen sich Künstler*innen zusammen, kapern Flächen im öffentlichen Raum und eröffnen dort »Illegalerien« für nichtkommerzielle Ausstellungen.
Bei den Kupferdieben in Hamburger Gängeviertel entsteht ein Kleb-Sprüh-Grill-Treff. Im Jahr darauf wird mit einer spektakulären Besetzungsaktion das ganze Gängeviertel vor Verfall und Abriss gerettet und zu einem der größten nichtkommerziellen Kunst-und Kulturzentren in Hamburgs Innenstadt gemacht, das noch heute Bestand hat.

???: Illegalerie #2 in Hamburg
31. Mai 2008: Illegalerie #3 nahe der Deichtorhallen in Hamburg

Ende August 2008: Die Fleischerei, die legendäre Siebdruckwerkstatt und Urban Art-Knotenpunkt in Berlin-Mitte, muss schließen, weil ein neuer Eigentümer die Miete vervielfacht. Ein Teil des Kollektivs zieht in neue Räume in Kreuzberg und nennt sich fortan »Czentrifuga«.
 

2009

Die Website reclaimyourcity.net legt eine längere Online-Pause ein. Angesicht der inzwischen großen Popularität von Street Art und einer wachsenden, unüberschaubaren Menge anderer Websites, Blogs zu urbaner Kommunikation und der verbreiteten Nutzung von sozialen Medien scheint es dringender, sich eigenen Projekten zu widmen.
Aktuelle Entwicklungen von Urban Art begleitet inzwischen der Freundeskreis Streetart-Blog.

April 2009: RYC-Ausstellung zur Neueröffnung der Sporthalle im selbstverwalteten Kulturzentrum KÖPI.

14. Mai 2009: Illegalerie #5 am Holstenplatz in Hamburg
13. Juni 2009: Illegalerie #6 in einer leer stehenden Fabrik in Hamburg-Altona

Juli 2009: Mit der Ausstellung »Freak Revolt« in der Friedrichshainer WIR Gallery soll die Idee in die Tat umgesetzt werden, ein linkes Urban Art-Kollektiv zu gründen. Die erste gemeinsame Aktion ist die Fassadengestaltung des besetzten und von der Räumung bedrohten Hausprojekts Brunnenstr. 183.
22. August 2009: Besetzung des Gängeviertels in der Hamburger Innenstadt
23. Oktober 2009: Die erste Räuberparty in Berlin. Eine leer stehende Fabrik am Wagenplatz Schwarzen Kanal wird für eine Nacht gekapert.
 

2010

Sommer 2010: Im Zentrum Mailands (Italien) wird ein Gebäude besetzt und als soziales Zentrum »La Bottiglieria« wiederbelebt. Urban Artists aus Berlin kommen zu Besuch und unterstützen die Instandbesetzer*innen bei der Gestaltung des Hauses.

August 2010: Mit der ersten Ausstellung der RECLAIM YOUR CITY-Reihe stellt sich das RYC-Netzwerk im Neurotitan in Berlin-Mitte der Öffentlichkeit vor. Anlass ist der Release des ersten Buchs »Reclaim Your City - The Book«. Weil nur eine kleine Auflage finanziert werden kann, ist es sofort vergriffen und wird als kostenloses E-Book zum Download veröffentlicht.
 

2011

Oktober 2011: Unter dem Motto »Kein Eintritt - Keine Polizei« eröffnet die diesjährige RYC-Ausstellung in einer besetzten ehemaligen Toilettenanlage mitten auf einer belebten Kreuzung am Mehringdamm in Kreuzberg. Der neue Ausstellungsraum wird der Öffentlichkeit übergeben und erst nach zwei Wochen von der Polizei geräumt.
 

2012

31. März 2012: Räuberparty in Rummelsburg: »Kein Gott - kein Staat - keine Schanklizenz«

Juli 2012: Auf der seit Anfang des Jahres still besetzten Cuvrybrache am Spreeufer in Berlin-Kreuzberg entsteht das Reäuberläb, ein gemeinschaftlicher, selbstorganisierter Kulturraum, gebaut vom Kollektiv Die Räuber. Gemeinsam mit den Bewohner*innen der Brache kann eine angedrohte Räumung des Geländes vorerst verhindert werden.

November 2012: RYC-Ausstellung im Hamburger Gängeviertel. Die Ausstellung in dem 2009 besetzten Kunst-und Kulturzentrum wird zur Werkstatt und Ort der Interaktion: Siebdruck, Feuerlöscher, Farbbomben – zum Lernen, Ausprobieren und Selbermachen. »Das Kollektiv ist die Kunst«. Anlässlich der Ausstellung erscheint des Magazin »Schach mit der Polizei«.
 

2013

19. Februar 2013: reclaimyourcity.net geht nach fast 5-jähriger Pause wieder online und präsentiert eine Auswahl bisher unveröffentlichter Foto-Dokumentationen der letzten Jahre.

30. April 2013: Streetfiles, die weltgrößte Internet-Plattform für Graffiti, wird zu Grabe getragen. Graffiti müssen wir uns von jetzt an wieder offline und in Echt anschauen.

Dezember 2013: Die RYC-Ausstellung »Stadt Aneignung Unverkäuflich Kollektiv« in einer Halle nahe der Storkower Straße in Berlin-Prenzlauer Berg bringt verschiedene urbane Protestbewegungen zusammen, die mit ihren Aktionen auf unterschiedliche Art und Weise den Stadtraum aneignen. Eingeladen sind Initiativen und Aktivist*innen aus den Bereichen Kunst, Design, Stadtpolitik, Free Partys und kritischer Geographie.
 

2014

April 2014: Release des Buchs »Free OZ« im Assoziation A-Verlag, das sich mit dem künstlerischen Werk und der Kriminalisierung der Hamburger Sprüherlegende OZ auseinandersetzt.

Juli 2014: Release des neuen Web-Projekts von reclaimyourcity.net: BERLIN BESETZT, ein interaktiver Online-Stadtplan mit digitalem Archiv, zeigt die Geschichte von Haus- und Platzbesetzungen in Berlin als Beispiel für selbstermächtigte Eingriffe von Protestbewegungen in den Stadtraum und das Stadtleben.

September 2014: Einweihung des stadtpolitischen Wandbilds »Berlin not for sale« in Berlin-Kreuzberg der Kollektive Pappsatt und Orangotango. »I AM 1UP«-Ausstellung im Urban Spree, die erste große Solo-Ausstellung der Graffiti-Crew 1UP. Ausstellung und Crowdfunding-Event von Ema Jons in der Czentrifuga für ein soziales Urban Art-Projekt in Palermo.

Oktober 2014: Das Buch »Reclaim Your City – Urbane Protestbewegungen am Beispiel Berlins« erscheint im Verlag Assoziation A.

07. Dezember 2014: Kunst- und Stadtinitiativen besetzen das Dragoner Areal in Berlin-Kreuzberg temporär und geben es als Dauerausstellung der Öffentlichkeit frei. Das Areal ist von Privatisierung und Luxusbebauung bedroht.

 

2015

März 2015: Das Mensch Meier macht auf - »Ein kollektiver Raum für Inspiration, Intervention und Bewegung. KulturKunstPartyPolitik« in Berlin-Prenzlauer Berg

24.-27. September 2015: Der erste RYC-Kongress findet im Mensch Meier Berlin statt
 

Topic: