Muraliquid - Rainbow Graffiti

Mit Regenbogen-Graffiti tauchen anonyme Künstler*innen in wenigen Minuten ganze Hausfassaden in Farbe. Mit ihren Aktionen geben sie bunte Statements gegen ein Stadtbild ab, das von "Werbung und hässlichen Büroblöcken" geprägt ist. Zahlreiche Regenbogenfassaden sind vor allem in Bremen, Berlin und Hamburg zu sehen. Wir sprachen mit den Aktivist*innen bei einem ihrer Workshops.

 

:Wie viel Liter schluckt ein ordentlicher Regenbogen?

A: 2 Liter pro Farbe, also 12 Liter. Ja, 12 Liter ist gut, damit kannst du ne große Wand ordentlich voll machen. Kommt drauf an, ob die gestrichen ist oder nicht. Auf unverputzen Wänden brauchst du für die gleiche Größe vielleicht ein bisschen mehr, auf gestrichenen Wänden reicht oft auch schon 1 Liter von jeder Farb-Mischung. Da reichen zwei oder drei Rucksäcke zum Transport...

 


 

:Was steckt hinter der Idee, Farbflächen von Dächern laufen zu lassen?

A: Wir kommen aus dem Graffiti und haben früher viele Paint-Roller (dh. großflächige Bilder, die mit Farbrolle und Teleskopstange gemalt werden) gemacht. Irgendwann haben wir mitbekommen, dass es in Bremen Ärger gibt, weil von unseren Bildern Drips (runterlaufende Farbe, Anm.) in irgendwelche Old School-Graffiti-Bilder gelaufen wären. Dann dacht ich mir, geil, dann sind wir halt die Schmiersäue, die überall die Farbe rumsiffen lassen. Sind wir ja eh... Und dann dacht ich mir, vielleicht nur noch die Farbe laufen lassen, ist ja auch geil. Damit kann man ja große Fassaden ganz vollaufen lassen.

B: Man kann die komplette Fassade bemalen - von oben bis unten, von links nach rechts - und braucht dazu kaum Equipment. Wobei sich das Bild durch die Gravitation eigentlich von selber malt. Schon die Ergebnisse der ersten Versuche haben uns echt beeindruckt.

C: Das Großartige ist: Es macht sau-spaß, es geht sau-schnell und du gehst runter, stehst da und schaust zu, wie sich das Bild von alleine zu ende malt!

A: Das Malen hat mit der Technik weniger den Charakter von Arbeit, man geht 10 Minuten hoch, kuckt sich 10 Minuten um, malt 10 Minuten. Man kriegt mehr von außen mit. Die Arbeit findet vorher statt: Erstmal ausschau halten, welche Wände  überhaupt in Frage kommen. In Bremen ist das schwieriger als in Berlin, wo es hunderte Brandwände gibt. Wo steht ein Bau-Gerüst? Wie komme ich hoch? Dann Farbe anmischen...

 

 

:Haben die Regenbögen eine inhaltliche Bedeutung?

B: Es ist vor allem bedeutungs-offen. Anders als Worte oder Buchstaben-Kombinationen von Graffiti-Crews werden die Regenbögen auch außerhalb einer Szene wahrgenommen und meist postitiv aufgenommen. Oft supporten einen auch Leute, die gar nichts mit Graffiti zu tun haben, aber das gut finden. Alle interpretieren das anders, ob das jetzt Kindergarten-Gruppen sind, die das abfeiern, oder Leute auf der Gay-Parade. Es ist so offen, dass jede(r) darin seinen Kontext sehen kann. In jedem Fall macht es die Stadt bunter.

D: Ich finde es schade, dass das Stadtbild von Werbung und hässlichen Büroblöcken dominiert wird. Eigentlich will das keiner, aber trotzdem wird uns das täglich vorgesetzt, nur weil Geld fließt. Ich find's wichtig, sich das Recht herauszunehmen da ein Gegenzeichen zu setzen. Es geht am Ende nicht um das Buntmachen an sich, sondern die Frage nach der Partizipation an der Stadtgestaltung.

A: Die Frage ist nicht, ob man glücklich damit wäre, wenn alles in der Stadt bunt bemalt ist. Das muss nicht sein. Wenn es weniger Werbung geben würde, müsste man weniger malen. Ich finde es wichtig, dass ein Gegenpol sichtbar ist.

 

 

:Eure Bilder nehmen in der Regel extrem viel Fläche ein und ziehen damit viel Aufmerksamkeit auf sich. Wie sind die Reaktionen?

A: Die Reaktionen sind auf jeden Fall anders als bei Tags oder anderem Graffiti. Es holt die Leute an einem Punkt ab, den klassisches Graffiti nie erreicht. Es ist interpretativ, die Peace-Fahne ist ein Regenbogen, die Queer-Community nutzt ihn... Anders als wenn wir schwarze Farbe benutzen würden, gefällt er den meisten Menschen erstmal. Und dann schaltet sich erst bei manchen dieses verbreitete Bild von Eigentum ein, es wäre doch Farbe und damit Sachbeschädigung... Ist es schön oder ein Sachschaden? Diese Frage sollen sich die Leute ruhig stellen. In Wirklichkeit ist die Fläche, die so ein Regenbogen einnimmt, viel massiver als bei den meisten anderen Graffities. Das schöne ist, der Akt des "Vandalismus" könnte heftiger nicht sein, aber es stößt trotzdem auf mehr Zustimmung. Der Akt ist zwar krass, aber die Optik des Bildes überhaupt nicht.

B: Am klassischen Graffiti find ich es schade, dass die meisten Menschen es nicht lesen können. Regenbögen können alle "lesen" und sich etwas für sich dabei denken. Ein super Medium, finde ich.

C: Natürlich freut es uns auch Zeitungsberichte aus verschiedenen Städten zu finden, wo Regenbögen auf Fassaden entdeckt wurden. Die Medien sind auf die Aktionen gut angesprungen und haben erstaunlicherweise größtenteils positiv berichtet, anders als wir das von sonstiger Berichterstattung über Graffiti gewohnt sind. Das liegt vielleicht auch daran, dass es schwierig ist, die Aktion zu Kategorisieren. In den meisten Berichten werden die Farbaktionen nicht in den Graffiti- oder Streetart-Kontext gerückt.
In verschiedenen Tageszeitungen in Dresden, in Bremen, sogar in der BILD gab es größere Artikel, im Weser-Kurier wurden Leute interviewt, die einen Regenbogen an ihrem Haus haben...

B: Bis jetzt (2013) wurden auch erst drei Regenbögen weggeputzt.

A: In zwei Städten ist etwas lustiges passiert, als einer von uns alleine unterwegs war: Der hat dann wildfremde Leute angesprochen, ob sie ihm helfen können - und die sind tatsächlich mit hochgeklettert! Ab und zu haben uns auch schon Hausbewohner reingelassen, wenn wir vor verschlossener Tür standen und denen offen und ehrlich erzählt haben, das wir Farbe von ihrem Haus laufen lassen wollen.

 

: Wie wichtig ist Euch Autorenschaft bei Euren Aktionen?

B: Ich find's besser, Namen aus den Bildern rauszuhalten, egal ob Crew oder Personennamen.

A: Reclaim your City! Einfach machen, sich den Platz nehmen. Nichts dazuschreiben, keine Tags. Die Bilder stehen für sich. Jede(r) kann das machen und es ist dadurch nicht an eine feste Gruppe gebunden. Mir geht's darum, die Stadt bunt zu machen.

B: Ich fänds voll geil, wenn alle Leute das machen würden! Von mir aus vielviel mehr - macht die Stadt bunt!

 

 

: Danke fürs Gespräch (und für den Workshop)!

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