A100 stoppen - Baumbesetzung gegen den Berliner Stadtautobahn-Ausbau

Um Baumaßnahmen für die geplante Verlängerung der Autobahn A 100 durch die Berliner Innenstadt zu verhindern, besetzten AktivistInnen vom »Aktionsbündnis A100 stoppen« im März 2013 Bäume, die für den Bau gefällt werden sollten. Über einige Baumkronen hinweg errichteten sie ein Baumhaus mit Übernachtungsmöglichkeit, auf dem darunter liegenden Grundstück gab es einen Informationsstand, der als Anlaufstelle für AnwohnerInnen und MitstreiterInnen diente.

Nach mehr als einem Jahr der Besetzung räumte die Polizei am 04.02.2014 die Protestpappel und ließ sie noch am selben Tag fällen.

RYC sprach mit den Baumbesetzern kurz vor der bevorstehenden Räumung...
 


 

: Seit etwa einem Jahr protestiert ihr mit der Besetzung eines Baumes gegen den Ausbau der Stadtautobahn A100. Wer seid ihr und was verschlägt Euch in ein abgelegenes Industriegebiet in Berlin-Neukölln?

 

Wir sind eine bunte Mischung aus Leuten von Robin Wood, stadtpolitischen Initiativen, den Initiativen gegen die A100 (die es teilweise schon sehr lange gibt) und Einzelpersonen, die keiner festen Gruppe angehören. Zusammen machen wir seit etwa einem Jahr die Baumbesetzung gegen den Ausbau der Stadtautobahn A100, die genau hier entlangführen soll.

Das Gelände steht dem Ausbau der A100 bisher im Weg und wird für die Bauarbeiten gebraucht, weswegen die Bäume darauf schon letzten Winter gefällt werden sollten. Kurz vorher sind wir allerdings da raufgeklettert, haben am Anfang auf einer kleinen Plattform oben im Baum genächtigt und haben damit die Fällung vorerst verhindert.



Ganz in der Nähe, fast in Sichtweite, soll mit dem Bau angefangen werden. Dort fand auch der erste Spatenstich statt. Erstmal soll bis zur Treptower Brücke gebaut werden, dann Richtung Friedrichshain. Dieses Gelände haben wir gewählt, weil es mitten im Weg ist. Wir wollen uns dem Ausbau nicht nur symbolisch sondern auch praktisch in den Weg stellen.
 

 

: Was kritisiert ihr am Ausbau der Stadtautobahn?

 

Wir wollen grundsätzlich eine ganz andere Verkehrspolitik. Wir wollen, dass Mobilität sich nicht immer nur daran richtet wie schnell man mit dem Auto von A nach B kommt, sondern, dass Leute sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrädern oder auch zu Fuß gut in der Stadt bewegen können. Gelder sollen besser für die notwendige Infrastruktur dafür eingesetzt werden. Auf keinen Fall wollen wir mehr Autoverkehr in der Innenstadt haben. Immer mehr Menschen in Berlin verzichten auf ein Auto, deswegen ist es eine rückwärtsgewandte Politik noch mehr Straßen und vor allem eine Autobahn zu bauen um den Verkehr in die Stadt und damit auch in Wohngebiete zu leiten.

Auch gehen wir davon aus, dass die Autobahn nur gebaut wird, weil sie mit Bundesmitteln finanziert wird. Wenn die Stadt Berlin das selber zahlen würde würde das keiner machen. Im Moment wird mit einer halben Milliarde Euro gerechnet für 3,2 Kilometer Autobahn, das müssten etwa 150.000 Euro pro Meter sein, das ist Wahnsinn. Die Autobahn braucht keiner außer vielleicht den Menschen, die von Außerhalb in die Stadt reinfahren und nicht die entsprechende Infrastruktur angeboten bekommen um ihre Autos z.B. am Stadtrand abzustellen und dann bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiterzufahren. Das wäre eine viel sinnvollere und auch kostengünstigere Lösung.

 

 

: Welche konkreten Auswirkungen haben die Bauarbeiten für die Stadt?

 

Sehr viele Kleingartenbesitzer mussten ihre Grundstücke räumen. In der Nähe von unserer Baumbesetzung und auch auf der anderen Seite vom S-Bahn-Ring gab es Kleingartenkolonien. Das war für die Betroffenen, die die teilweise Jahrzehnte genutzt haben, natürlich ein harter Schlag. Es ist gut, dass es diese Kleingärten gab. Solche unbebaute Flächen sind Frischluftschneisen mitten in der Stadt, das tut jedem Stadtklima gut. Außerdem ist es eine sozial sinnvolle Sache, dass sie gemeinschaftlich genutzt werden. Das ist aber alles für die Autobahntrasse plattgemacht worden.

 

 

Wir rechnen damit, dass auch die anliegenden Flächen, die nicht direkt von Abriss bedroht sind, hinterher Gewerbegebiete sein werden und keine sozialen Räume für die Menschen, die hier leben. Die Autobahn wird noch mehr Lärm, Verkehr und Feinstaub bringen.

 

 

 

: Welche Möglichkeiten bietet die Aktionsform der Baumbesetzung?

 

Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Transparente hochhalten sondern auch vor Ort sind, den Baum und das Gelände schützen. Und damit den Protest sichtbar, fühlbar und erlebbar zeigen. 



Für die Anwohner wollen wir einen Anlaufpunkt schaffen, dass sie sich hier treffen können. Es gab sonntags Kaffee-Treffen, Infotische, damit Leute sich treffen, informieren und gegenseitig kennenlernen können, um zu merken, dass die Betroffenen nicht allein sind mit ihrer Wut. Wir denken, dass wir im Laufe des Jahres gut zur Vernetzung von Initiativen und Einzelpersonen beigetragen haben.
 

 

 

: Gab es schon frühere Baumbesetzungen in Berlin?



 

Gab es. Richtung Bernau sollte z.B. mal eine Allee gefällt werden. Da haben wir auch eine Baumbesetzung gemacht, durch die die Fällung tatsächlich verhindert wurde. Die Allee steht heute noch.

 

 

: Seht ihr eine Verbindung zu anderen stadtpolitischen Protesten?

 

Es gibt Vernetzungstreffen zwischen den A100-Initiativen und anderen stadtpolitischen Gruppen um zu sehen, wie man sich überhaupt Stadt zurück aneignen und dem Privatisierungs- und Verwertungswahn in Berlin etwas entgegen setzen kann. Wir hoffen natürlich, dass wir anderen Mut machen selber aktiv zu werden und ihnen zeigen können, dass es Möglichkeiten gibt etwas zu unternehmen. Zumindest solche Entwicklungen zu verzögern.

 

 

Das Gelände, auf dem ihr seid, wird auch von anderen genutzt. Teilen die Euer Anliegen?

 

Der Eigentümer des Grundstücks hat uns eingeladen hier zu sein, der findet das gut. Gegen ihn läuft ein Enteignungsverfahren und es gab zuletzt Gerichtsentscheidungen, die wenig Hoffnung machen, dass er das Gelände behalten kann. Wir rechnen damit, dass am Montag geräumt wird und die Bäume gefällt werden.

 

 

: Habt Ihr schon Pläne wie es nach der angekündigten Räumung weitergeht?

Klar, wir machen dann auf der anderen Seite vom S-Bahn-Ring weiter. Die Trasse ist lang und es wird noch viele Jahre dauern bis die Autobahn fertig ist. Wir werden die ganzen Bauarbeiten weiter mit Aktionen und Protest begleiten.
 

 

 

: Danke fürs Gespräch!

 

LINKS

http://www.a100stoppen.de/
http://wirbleibenalle.org/

 

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