Wandmalerei, Graffiti und Streetart in Caracas

Ein Reisebericht von Melek S. für das soeben erschienen Buch „Caracas, sozialisierende Stadt - Die 'bolivarianische' Metropole zwischen Selbstorganisation und Steuerung“ von Dario Azzellini, Stephan Lanz, Kathrin Wildnser (Hg.) in der Buchreihe metroZones / b_books
 

 

Que pasa?! - Wandmalerei, Graffiti und Streetart in Caracas
 

Caracas – schnell, laut, hektisch, dreckig doch damit nicht genug. An allen Ecken und Enden der Stadt wimmelt es in Form von Wandmalerei und Graffiti an weiterem visuellem Noise. Während sich klassische Wandmalerei politischen Themen widmet, findet Graffiti als Teil der explodierenden Hiphopkultur hohen Zuspruch in den Barrios. Im folgenden ein kleiner Einblick in die Kultur und aktuelle Tendenzen der Wandgestaltung in Caracas

 

 

1. Zurück in die Stadt

J. & K. holen mich am Flughafen ab. Mit dem Bus fahren wir nach Caracas. Als die ersten Barrios entlang der Strecke auftauchen zeigt mir J. eine Wandmalerei der kommerziellen Art. Über mehrere Häuser inklusive der Dächer erstreckt sich ein riesiges Maggi Logo in gelb und rot. Als wir Gato Negro aussteigen, schlägt mir schlagartig der Geruch der Stadt in die Nase, den ich vergessen hatte. Die Stadt riecht nach Leben – nach Leben auf der Strasse. Die U-Bahnstation hat dann wieder ihren eigenen Geruch, der wesentlich hygienischer erscheint. Dann fährt sie ein, dieses geile Teil von einer Metro: mattsilber, die Türen so reinversetzt und diese schicken Regenbogenstreifen unterhalb der Fenster. Der Stolz der Stadt, immer total sauber, voll und so billig, dass wirklich alle überall hinfahren können. Doch wehe diese Lebensader der Stadt fällt wegen Stromausfall aus. Dann versinkt die Stadt ihrer Länge nach in einem Verkehrschaos.

 

 

Zwischen Aqua Salut und Caño Amarillo, wo die Metro oberirdisch läuft, klebe ich an der Scheibe und stelle fest, dass die Writer der Stadt fleißig waren. Viele der Stellen von denen ich vor zwei Jahren phantasiert habe, sind gemalt. Sogar direkt an die Line, auf die Betonplanken des Lärmschutzwalls, haben sich die Sprüher gewagt.

Am Caño Anarillo fühle ich mich sofort zu hause. Schließlich war diese Gegend, genau zwischen meiner Wohngelegenheit im 23 de Enero und einer internationalistischen WG in La Pastora gelegen, so etwas wie der Mittelpunkt meines Lebens auf der Straße. Hier stand ich zum ersten mal in Caracas an einer Wand, angefixt kraxelte ich anschließend noch in die Betonwanne des Guaire hinunter. Das trübe graublaue Wasser stank, aber die Stelle war gut. Später dokumentierte T. mit der Kamera über Wochen den Verwesungsprozesses eines Hundes der im Bachbett lag bis er nach starken Regenfällen vermutlich weitergetragen wurde.

 

 

2. Zwischen Fotorealismus, Parteipropaganda und der Photoshop-Layer-Funktion – politische Wandbilder in Caracas heute

Caracas – reich an Farben



 

Auf einer meiner ersten Streiftouren durch die Stadt entdeckte ich zwischen Parque Central und Bellas Artes ein eindrucksvolles Wandbild über die Geschichte Venezuelas. Die Unterwerfung des gesamten Kontinents und die anschließende Versklavung und koloniale Plünderung wird genauso thematisiert wie die gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.

 


 

 

Überhaupt sind in der Stadt viele Wände bemalt. Simon Bolivar und andere Helden der venezolanischen Geschichte zieren an zahllosen Stellen die Stadt. Die venezolanische Fahne, oder Embleme von Regierungsbehörden und staatlichen Misionen prägen das Stadtbild. Vor allem entlang den Autobahnen finden sich riesige Wandbildproduktionen die verschiedene politische Themen behandeln.  In Zeiten von Wahlen und Volksabstimmungen, rücken landesweit Malerbrigaden aus, die im Auftrag der verschiedenen Parteien Wahlwerbung betreiben. Nach den Wahlen geht seitens der Graffitisprüher wiederum der Run auf die nun schön grundierten Flächen los. Politische Programme werden ebenfalls auf der Straße sozusagen zur Volksbildung beworben.

 

 

Inhaltlich populär ist es politische Kontinuitäten aufzuzeigen: Bolivar, Chavez und ein Inigenagesicht auf einer Wand sind Ausdruck genug und benötigen keine weitere textliche Erklärung. In den Barrios sind neben den lokalen Misiones de la Cultura und den örtlichen Consejos Comunales, die politischen Kollektive die je nach ihrer Ausrichtung ihre Message mittels Farbe sichtbar machen, aktiv in Sachen Wandgestaltung.



 

 

Wandmalerei ist Teil der Communicacion popular, die Gegner des bolivarianischen Prozesses kritisieren. So spricht Romero, ein Autor der NY Times, davon, dass die staatlichen Behörden Wandmalerei als ihr zentrales Element der Werbung für die Staatsideologie gebrauchen. Die momentan oppositionelle Alcaldia Metropolitana de Caracas wirf der Zentralregierung vor, unter dem Deckmantel der Kunst, Propaganda zu machen. So werden die Wände in der Stadt meist ohne Autorisierung der Bürgermeisterei aber mit der taktischen Unterstützung der Zentralregierung angemalt. (Romero)
 Gleichwohl muss erwähnt werden, das Venezuela weiterhin ein kapitalistisches Land ist. Der öffentliche Raum ist den Gesetzen des Marktes unterworfen. Werbung ist überall präsent: Banner, Werbetafeln entlang der Autobahn, kommerzielle Wandgestaltungen...


 


 
 
Mein erstes politisches Wandbild male ich mit der staatlichen Mision Cultura von La Pastora. Wenige Tage vorher war ich an der Skizze eines Wandbildes auf der Avenida Urdanetta, direkt an der Puente Llaguno, vorbeigekommen. Genau hier wurde 2002 eine chavistische Demonstration von Heckenschützen angegriffen. Im Laufe der Auseinandersetzung starben rund um diese Brücke 19 Menschen. Das Wandbild richtete sich inhaltlich an das tapfere Volk, das den Putschversuch glorreich abgewendet hat. Ich hatte einen Zettel an die Wand geklebt, dass ich gerne mitmalen würde. Die Antwort auf meine Anfrage ist eine SMS: Wir sind auf der Brücke und laden dich ein mit uns zu malen.
 
 
 
Unter Anleitung einer Künstlerin, die die Vorlage erstellt hat, malen an diesem Montag Nachmittag rund 30 Menschen und ehren auf diese Weise das tapfere Volk. Der soziale Charakter des Events steht klar vor dem künstlerischen. So gibt es ständig zu Essen, eine alte Frau singt... ich fülle das Blau der venezolanischen Fahne, die vom Volk getragen wird und nach rechts in ein Meer voller Fische ausläuft.

 

 

Ungefähr um 17 Uhr wird auf der anderen Straßenseite ein Mensch erschossen, irgendjemand rennt weg. Als ich mich wie betäubt der Traube von Gaffern nähere, sehe ich durch ihre Beine dickes rotes Blut über das Pflaster laufen. Schlagartig werde ich aus der eben noch fröhlichen gemeinschaftlichen Stimmung der Aktion herausgerissen und sehe mich mit den sozialen Realitäten des Landes konfrontiert.

 

 

Y el estilo?

 

Bei einem Besuch im Kulturministerium fällt die Jugendlichkeit der staatlichen Grafiker und Grafikerinnen auf. Auch die Malerbrigaden setzen sich vor allem aus jungen Erwachsenen zusammen. Dementsprechend modisch ist der Gestaltungsstil. Die Schablone als Mittel der Propaganda kommt vielfältig zum Einsatz: einfarbig und plakativ, oder mehrfarbig, detailliert und plastisch.

 

 

Den großen politischen Organisationen ermöglicht die Schablone identische Wandbildproduktionen im ganzen Land. In Caracas haben sich in den letzten Jahren verschiedene politische Schablonenkollektive gebildet. Die Gruppen „ejercito comunicacional de lliberacion“ und „Guerrilla Comunicacional“ erhalten staatliche Unterstützung, entwickeln allerdings selbstständig Motive. Sie unterstützen lokale Kommunale Räte bei der Durchführung kreativer Aktionen im Barrio oder geben ihr Wissen auf Workshops weiter. Neben den explizit politischen Aktivisten gibt es natürlich zahlreiche andere Streetartists, die ähnlich den Graffitisprühern ihren Namen oder ihr Image in der Stadt verbreiten.

 

 

Ideologische Unterstützung für die Interventionen in den Stadtraum erhalten die Straßenkünstler durch eine Debatte um den den öffentlichen Raum. So widmete im Jahr 2008 die Zeitschrift des Kulturministeriums „La Roca de Crear“ eine komplettes Themenheft der Kunst auf der Straße: „Die Straßenkunst ist eine Manifestation einer Kunst vom und für das Volk; eine Kunst die für alle erreichbar ist, eine Kunst die mit der Comunidad verbunden ist, eine Kunst die bezüglich des zivilen und natürlichen Raumes das städtische Bewußtsein stärkt, eine Kunst die bei der Konstruktion von kollektiven Alternativen im Prozess der sozialen Transformation kreative Wege öffnet, eine Kunst die sich in den sozialen Spannungen engagiert, eine fähige Kunst die kritisch die Probleme ihrer Umgebung angeht und neue Orte für die Bürger schafft.“ (Cárdenas)

 

 

Angewandt auf den bolivarianischen Prozess in Venezuela verknüpft Cárdenas die Debatte um den öffentlichen Raum mit dem Begriff der Partizipation: „Wenn sich ein neues soziales Modell an der Partizipation orientiert, muss diese Instanz rechtzeitig neue Modelle des Verhältnisses mit dem öffentlichen Raum entwerfen.“ Eine Demokratisierung des öffentlichen Raumes würde in ihrer Konsequenz bedeuten, dass die Comunidad auch bezüglich der Gestaltung des Raumes praktisch mit einbezogen wird. In der Folgeausgabe der „Roca de Crear“ wird der Begriff „arte social“ mit Leben gefüllt und der Frage nachgegangen wie Künstler praktisch mit der Comunidad zusammen arbeiten können.

 

 

Von der Akzeptanz von Graffiti und Streetart zeugen auch verschiedene Großprojekte, Festivals und Ausstellungen. So erging 2009 der Aufruf an die Szene, sich bei der Wandgestaltung direkt am prestigträchtigem Plaza Bolivar einzubringen. Im Viertel La Pastora gab es 2010 ein „Festival de intervenciones urbanas“ bei dem neben Streetart und Graffiti auch andere Formen wie Strassentheater und Zirkus auf die Straße geholt wurden. Demnächst erscheint die Graffitidoku „Pinto con Lata“.

 

 

3.Korrupte Bullen, teure Dosen und die schönste Metro der Welt – Writing in Caracas


Mit AIRE bin ich in Bellas Artes zum malen verabredet. Es ist Sonntag Nachmittag, das wöchentliche Hippie-Meeting auf dem Platz vor dem Natur-historischen Museum tobt. Von dort über die Straße ist eine Graffitiwand – frisch gestrichen, also nicht so richtig erwünscht – AIRE meint, dass wir ein bisschen nach den Bullen gucken müssen.

 

 
 

In meiner Wahrnehmung der Stadt ist die Metrostation Bellas Artes so etwas wie die unsichtbare Grenze zwischen dem Westen und dem Osten der Stadt. Richtig offensichtlich, vor allem bezüglich der baulichen Struktur, verläuft diese Grenzlinie vermutlich noch ein bisschen weiter östlich, zwischen Sabana Grande und Chacaito?

 

 

Während sich um das historische Zentrum im Westen die „Barrios populares“ gruppieren und sich die Squattersiedlungen immer weiter die umliegenden Hänge hocharbeiten, gibt es im Osten der Stadt verspiegelte Hochhäuser und gated communities. In den Barrios dominieren unverputzte Ziegelsteine, und es gibt Stadtteile in denen es kein fließendes Wasser oder eine Müllabfuhr gibt. Auf der anderen Seite der Stadt regieren Glas, Stahl und Beton und man findet Shopping Malls größer als das Schlaraffenland. Auch politisch ist die Stadt zweigeteilt. So sind die östlichen Paroquias oppositionell regiert, während der Westen eindeutig chavistisch ist. Natürlich ist diese Darstellung überspitzt, ganz im Osten der Stadt liegt schließlich eines der größten Barrios Südamerikas, Petare und die richtig reichen „urbanicaciones“ liegen außerhalb der Stadt.

 

 

 

 

Die Zweiteilung der Stadt in den armen Westen und den reichen Osten hat auch Auswirkungen auf die Praxis von Wandmalerei und Graffiti. So sind die Wände, um die sich niemand kümmert, denen „ein bisschen Farbe gut tut“ und damit die Möglichkeiten „legal“ zu malen im Westen zahlreicher als im Osten. Graffiti wirkt im Osten der Stadt gleichzeitig viel eindeutiger als Angriff auf die Macht- und Herrschaftsverhältnisse im Stadtraum. Es besteht ein Unterschied ob du auf Spiegelfassaden bombst oder eine triste Wand bespielst. Bezüglich der Repression gibt es aus allen Teilen der Stadt Geschichten von korrupten Bullen die dich verprügeln oder abziehen. Die Gefahr dass du erwischt wirst ist im Osten aufgrund der Illegalität der Aktion wesentlich wahrscheinlicher.

Doch auch die jeweiligen Akteure unterscheiden sich. Ohne Auto ist es nach 23 Uhr schwierig, sich in Caracas zu bewegen. Im klassischen Sinn an öffentlichkeitswirksamen Stellen bomben zu gehen, oder – seit jeher in der Graffitiszene als Maximalziel deklariert - „All City“ zu sein, schließt die zahlreichen Bomberkids aus den Barrios aus. Gleichzeitig bewegen sie sich in ihren als gefährlich verschrieenen Vierteln souverän, während die Writer aus dem Osten niemals einen Fuß in diese Viertel setzen würden.

 

 

Als ich im April eine Horde Leute ins 23 de Enero einlade um die Wände eines Sportplatzes anzumalen, gelingt scheinbar ein Grenzübertritt. Meine Mittelstandsfreunde aus der Kunstuni bringen noch andere Kollegen mit, die auch mal im 23 malen wollen. Als zwei Tage nach der Aktion alle Bilder in dem vorher „unberührten“ Sportplatz ausgecrosst sind, bin ich wie vor den Kopf geschlagen. Ich solle keine Leute aus anderen Gegenden hier herbringen und dass das ihre Zone sei. Ich stelle TARMA, der drei Tage später mit Freunden über unsere ausgecrossten Bilder geht zur Rede. Er beschwert sich, dass seine Sachen sofort übermalt werden, sobald er irgendwo anders malt, vor allem im Osten, CMS und so....

 

 

 

Eine der dümmsten Angewohnheiten der Graffitikultur, nämlich „jeder gegen jeden“ oder „deine Crew gegen meine“ und „Ich bin der Allergeilste“ lag diesem Konflikt zu Grunde. Keine Frage, ohne die Competition innerhalb der Szene wären unsere Städte nicht so bunt wie sie sind, aber warum nicht die grauen Wände als der Gegner in diesem Wettkampf gesehen werden.... Doch latent schwang in TARMAs Argumentation auch eine Ost-West Auseinandersetzung an, die aufgrund der oben beschriebenen Gegebenheiten, auch eine Arm-Reich Komponente beinhaltet.

 

 

Meine ersten Kontakte zu Writern machte ich auf einem Open Air HipHop Event der oppositionellen Fundacion Chacao: lokale Rapgruppen, ein aus Europa eingeflogener Hauptact, das ganze im Freien und umsonst. Mit der explodierenden HipHopkultur biedern sich verschiedenste Initiativen bei der Jugend an. So brachte Red Bull neulich deutsche Sprühergrößen für ein Event nach Caracas. An jenem Tag auf dem Plaza Catalan hat die CMS Crew weiße T-Shirts an, um ihre Größe zu zeigen, erklärt mir TUKER. Die Gruppe ist tatsächlich der einflussreichste Sprüherzusammenschluss der Stadt. Sowohl was die Anzahl von Bombings anbelangt, als auch die Aufwendigkeit von großen Wandproduktionen.

Als ich zwei Wochen nach dem Event mit TUKER und INSK erst vor dem Dosenregal mit 18 Farbtönen und dann an der Wand stehe, erfahre ich als von der Graffitiindustrie verwöhnter Europäer, was es heißt aus nichts Gold zu machen. Mittels eines selbstgebastelten Aufsatzes, der zwei Caps mit einem Röhrchen verbindet werden Farbtöne selbst gemischt. Die Qualität der Farbkonsistenz der Dosen lässt sich mit dem Sprüherfachwort „Wasserfarbe“ treffend beschreiben. Lack aus der Dose mit dem Farbroller aufgetragen ist billiger und deckt. Mittlerweile haben in Caracas zwei Sprüherläden aufgemacht, die containerweise Dosen aus Europa importieren und die wachsende Szene versorgen. Die Preise liegen leicht über denen der Dosen aus der nationalen Produktion, die Aufgrund er andauernden Inflation nicht eben leicht erschwinglich sind.

 

 

 

 

4.Von Tiuna la Gira zur Escuela de HipHop – Jugendarbeit des
Kulturkollektives Tiuna el Fuerte in El Valle

 

Als ich im April 2007 auf ein Event der Kulturinitiative Tiuna el Fuerte, das sich Tiuna – La Gira nennt und irgendwo in Catia stattfindet, weiß ich nicht was mich erwartet. Auf einem Sportplatz in mitten von Bariohügeln wummert der Sound und auch die zusammen strömenden Menschen weisen den Weg zum Ort des Geschehens. Sehr gerne hätte ich als jugendlicher Anhänger der Hiphopkultur eine Kool DJ Herc Blockparty Ende der 1970er Jahre in der Bronx miterlebt. Meine Vorstellung der damaligen Atmosphäre wurde auf diesem Sportplatz tief in den Barrios von Caracas am ehesten getroffen. Die Menschen aus dem Viertel, jung bis alt, kamen um zu gucken. Und zu sehen gab es alle Disziplinen der Hiphopkultur.

 

 

Während sich vor der Bühne zum Sound der Djs immer wieder spontan Breakdancekreise bildeten, rappten auf der Bühne verschiedene Crews. Die Writer von Via Oeste (VO – große Crew aus dem Westen) kümmerten sich - mit diesem orginalen Hiphopflavour im Rücken - um die kahlen Wände des Sportplatzes. Als ich bereits auf dem Nachhauseweg noch einmal zurückschaute und den mittlerweile flutlichtbestrahlten Platz sah, war die Energie, die von diesem Event ausging, auch visuell ersichtlich.

 

 

Die Kulturinitiative Tiuna el Fuerte, leistet seit Jahren wertvolle Kulturarbeit für diverse musikalische Subkulturen. „Wir sind ein politisch-kulturelles Kollektiv von jungen Aktivisten der öffentlichen Kunst. Geboren im Jahr 2005, nahmen wir die aufständischen urbanen Kunstformen als Waffen des Kampfes und der radikalen Transformation der Gesellschaft in der wir leben.“ Auf ihrem „Espacio Cultural“, einer riesigen Freifläche, eingekeilt zwischen Autobahn und den Hochhäusern des Stadtteils El Valle finden Reggae, Rock und Hiphop Konzerte sowie Workshops zu politischen Themen statt.

Nach der Wahl eines Oppositionellen zum Bürgermeister der Stadt, verschlechterten sich die Rahmenbedingungen für die basisorientierte Kulturarbeit. Konzerte die früher umsonst waren müssen heute auch durch Eintrittsgelder finanziert werden. Was der Namenszusatz „Nucleo endogeno cultural“ (nachhaltige Kulturzelle) praktisch bedeutet wird an der betriebenen Hiphop-Jugendarbeit sichtbar.

 

 

Tiuna – La Gira, Tiuna auf Reisen

 

Nachdem es auf HipHop Veranstaltungen in El Valle immer wieder zu Stress zwischen rivalisierenden Crews kam, sollten die HipHop Veranstaltungen einerseits dezentralisiert werden und andererseits das der HipHop Kultur innewohnende Moment der Selbstermächtigung verstärkt werden. Rapgruppen werden angesprochen, ob sie nicht in ihren Vierteln HipHop Events veranstalten wollen.

 

 

Organisatorische Unterstützung etwa beim Einholen erforderlicher Genehmigungen bei der zuständigen Parroquia-verwaltung, oder der Fragen nach dem Zugang zu Strom, Wasser und der Einbindung der Nachbarschaft, sowie die Bereitstellung von technischem Equipment und Bühne erfahren die lokalen Veranstalter durch die Kulturinitiative Tiuna el Fuerte. Die inhaltliche Gestaltung, also die auftretenden Gruppen, sowie das Layout von Flyern und Plakaten obliegt der veranstaltenden Gruppe. Über die individuelle Entwicklung als Künstler hinaus, soll das Konzept Tiuna-La Gira, Wissen vermitteln wie Kulturarbeit im eigenen Barrio funktionieren kann. Ein Empfinden für die soziale Verantwortung der HipHop Aktivisten für das eigene Viertel wird durch die Aufforderung, die Nachbarschaft und lokale Strukturen einzuladen bzw. diese praktisch mit einzubinden, geweckt.

 

 

Von der Reise ins Laboratorium

Die Escuela de HIPHOP Endogena (EHHE) ist ein weiteres Angebot von Tiuna el Fuerte das seit 2008 besteht. An vier Tage der Woche geben nach dem HipHop-Motto „Each one teach one“ erfahrene Aktivisten der Szene in den Bereichen Graffiti, Breakdance, Rap, Djing/Producing ihr Wissen an den Nachwuchs weiter. „Die EHHE hat sich als eine alternative und bunte Volksschule bewiesen, die eng verknüpft ist mit der kulturellen und künstlerischen Produktion unserer Barrios, Straßen und unserer Stadt, wie sie in der Haut, der Stimme und dem Blut unserer Jugendlichen steckt.“ (Laboratorio de artes urbanas)

 

 

Mittlerweile hat sich die Organisationsstruktur von Tiuna el Fuerte weiterentwickelt. Unter dem Namen „Laboratorio de Artes Urbanas“ (LAU- Laboratorium für urbane Künste) werden sowohl die klassischen HipHop-Disziplinen unterrichtet, als auch „Comunicación Popular“ - in den Bereichen Fernsehen/Video, Radio und Stencil. Außerdem sind noch Angebote im Bereich Straßentheater und Musik hinzugekommen.

 

 

 

Außerordentlich viel versprechend klingt die Selbstbeschreibung: “Das LAU ist ein Ort an dem alternative kulturelle Produkte, Bilder, Klänge und Worte geschaffen werden, die in unserer Grammatik, unserer Sprache und unserer Wesensart in den öffentlichen Bereich einfallen. Vermischen wir das Barrio, die Jugend und die mediatisierte Stadt zu einem Ort des kulturellen Schaffens mit dem Bewusstsein die Ergebnisse nicht vorherzubestimmen.“ (Laboratorio de artes urbanas)

 

 

Lasst die Wände sprechen

 

Die venezolanische Hauptstadt ist voller Farbe: Wandbilder, Graffitis, Tags, Schablonen, Parteipropaganda. Die lateinamerikanische Tradition des Muralismo findet auch im bolivarianischen Prozess eine Fortsetzung. Für die verschiedenen Parteien, die staatlichen Misiones und die Basisorganisationen ist Wandmalerei ein fester Bestandteil der politischen Arbeit.

 

 

Die gleichzeitige Präsenz von politischer Propaganda und kapitalistischer Werbung im öffentlichen Raum spiegelt dabei die gesellschaftlichen Verhältnisse in Venezuela wieder. Eine politisierte gesellschaftliche Debatte, die die Richtung eines Sozialismus eingeschlagen hat, einerseits, als auch die weitere Existenz multinationaler Konzerne und kapitalistischen Konsumwahnsinn andererseits.

 

 

Die zunehmend populäre Graffitikultur, lässt sich keiner dieser beiden Richtungen zuordnen. Das politische Moment von Graffitiwriting liegt seit jeher in seinem unerlaubten Eingriff in den (- und der damit verbundenen aktiven Gestaltung des -) öffentlichen Raumes. Insoweit weißt die oben skizzierte Diskussion in der Zeitschrift „Rocca de Crear“ in die richtige Richtung: Ein gesellschaftlicher Prozess, der auf Partizipation und Demokratisierung abzielt, muss früher oder später eine Debatte über die Gestalt und die Gestaltung des öffentlichen Raumes führen.

 

 

Die Kulturinitiative Tiuna el Fuerte, geht mit dem Programm des „Laboratorium der urbanen Künste“ und der Förderung und Aktivierung der ehemals ausgeschlossenen Jugendlichen aus den Armenvierteln den nächsten Schritt in Richtung Selbstermächtigung und Partizipation.

Die Sprühdose bleibt die Waffe der Sprachlosen.

 

 

 

Informationen zum Thema Graffiti und Wandmalerei in Caracas und Venezuela

 

Cárdenas, Maria Luz (2008): La calle es el arte. In: La roca de crear

http://larocadecrear.org

Ejército Comunicacional de Lliberación http://nosabemosdisparar.blogspot.com/

Guerilla Comunicacional http://guerrillacomunicacional.blogspot.com/

Laboratorio de artes urbanas http://laboratoriodeartesurbanas.blogspot.com/

Romero, Simon (2010): Artists Embellish Walls With Political Visions. http://www.nytimes.com/2010/04/12/world/americas/12caracas.html?_r=1

 

 

Autoreninfo Melek S.

Für Melek S. ist Graffiti ein urbanes Kommunikationssystem. Seit 1996 als Writer aktiv, faszinieren ihn der Druck der Sprühdose und die Gestaltung des öffentlichen Raums gleichermaßen. Er dokumentiert und verfolgt die Entwicklungen der Graffitiszene und engagiert sich im Kunst- und Medienkollektiv PAPPSATT für eine Stadt für alle.

 

 

 

 

 

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