Stromausfall (2006)

Zu den ersten und aktivsten Streetart-Aktivisten in Berlin kann sich Frank alias Stromausfall zählen. Als sicherlich einer der ausdauerndsten Sticker-Kleber in der Stadt ist er mit seinen Motiven an so manchen Ampeln, Verkehrschildern und Regenrinnen einigen noch folgenden Künstlergenerationen zuvorgekommen. Alle seine wirklich zahlreichen Werke sind handgedruckt oder mit Schablonen gesprüht.

Zusammen mit anderen Künstlern betreibt er die Fleischerei, eine Siebdruckwerkstatt am Rosenthaler Platz in Berlin, die eigentlich jedem ein Begriff sein sollte, der sich für Do-It-Yourself-Siebdruckkunst in Berlin interessiert.

Das folgende Interview fand 2006 in der Fleischerei statt.

 

 

:Hallo Frank! Erzähl doch mal. Warum deine Aufkleber? Wann hast du damit angefangen?

Ich mach das jetzt so ungefähr sieben Jahre und ich bin eigentlich durch die Not da rangekommen, hab halt Beziehungsstress gehabt, Arbeit verloren und war dann auch ziemlich alleine und so und hab nirgendswo Trost gefunden, den ich bräuchte, weil ich Liebeskummer hatte. Dann hatt ich auch finanzielle Probleme. Den Trost hab ich halt in der Kunst gefunden, indem ich nachts durch die Strasse, durch Berlin marschiert bin und bin gelaufen, gelaufen, gelaufen, hab die Stadt dadurch ganz anders aufgesogen und dann halt auch gemerkt, dass ich auch die Stadt bin.

Da hab ich auch erstmal gemerkt, dass es da ja auch einen Bezug zu gibt, und dass es auch ne Geschichte gibt von dieser Stadt und da hab ich angefangen, mich damit auseinanderzusetzen und dann an Ecken, wo ich vorbeigekommen bin, mein Monogramm zu hinterlassen, das "F" zum Beispiel. Ich finde, "F" ist ein total cooler Buchstabe, da steckt echt unheimlich viel drinne, aber ich heiss halt auch Frank und von daher hat sich das angeboten und was da noch alles drinnesteckt, das kam dann später erst.Dadurch bin ich dann immer mehr in die Kunst reingekommen, hab das aufgesaugt. Mich hat das immer mehr interessiert und hab auch gemerkt, dass ich dadurch wachsen und meine Probleme ein bisschen überwinden kann. Das war ca. 1998/99.

So ne richtig verstärkte Phase hab ich 2000 gehabt, bis 2003 und dann hat das wieder ein bisschen abgeebbt. Mit der Politik und so war dann auch wieder ein bisschen Frust, die ganzen Zerwürfnisse mit dem Sozialabbau, da war ich dann auch ein bisschen gehandicapt. Ich war in einem Obdachlosenverein "UnterDruck", da bin ich immer hin zum Essen und hab da auch Beat und Hans und so kennengelernt. Beat hatte damals schon gesiebdruckt und dann hat sich das so ergeben.

Später haben wir ne Siebdruckwerkstatt eröffnet, damals am Rosa-Luxemburg-Platz in ner alten Kinderbücherei, da bin ich mit eingestiegen, aber da waren wir nicht so lange und dann hat sich hier die Fleischerei gefunden, da warn wir alle hin und weg. Für mich war das optimal mit der Fleischerei, so von Roh-Fleisch zur Roh-Kultur, für mich ist das sone Verbindung, Industrie brutal.

Eigentlich male ich hauptsächlich, hab schon viele Bücher vollgemalt, male auch viel Berlin, die Stadt...   

 

:..was ja auch oft Motive auf deinen Aufklebern sind...

..genau, da nehm ich Motive aus meinen Bildern raus und die druck ich dann und die Stickers benutze ich, um vielleicht eine kleine Öffentlichkeit zu erlangen. Damit sich die Leute fragen, ach wer ist denn das, überhaupt um ein bisschen auf sich aufmerksam zu machen. Was ja immer schwieriger wird, weil die Kunstszene und die ganzen "Renommierten" sich total abkapseln. Es ist ja unheimlich schwer, da überhaupt reinzukommen. Jetzt bin ich immer noch dabei, werd immer ärmer und immer schlauer eigentlich, aber letztendlich gehts mir gesundheitlich immer schlechter.    

 

 

:Deine Motivation ist also in erster Linie, dich im öffentlichen Leben einzubringen, die Stadt mitzugestalten...    

Ja, auf jeden Fall. Und zu zeigen, dass es mehr gibt als immer diese blöde Werbung, irgendwelches Eigentum und Zäune. Nur irgendwelche "legalen Flächen", wo man sich vorher anmelden und bezahlen muss, damit man sich dann eventuell auch drannekleben darf. Dass man sich neue Räume erobert, auch wenn es nur kleine Stickers sind... Da zeigt sich ja auch, wie klein der Raum geworden ist um sich in der Stadt zu artikulieren. Dass die Freiräume immer kleiner werden. Ich sehe meine Kunst ja sozialkritisch, versuche Sachen, die ich selber aufnehme, auch wieder herauszuheben, in der Hoffnung, dass ich damit auch mehr Leute anspreche.   

 

 

:Gibt es denn manchmal Reaktionen von Leuten auf Deine Kunst?    

Wenig Resonanz. Wenn, dann dauert das sehr lange. Wenn ich grössere Sachen machen würde, denk ich, ginge das viel schneller, aber ich mache das nicht. weil ich denke, dass auch das kleine wichtig ist, dass man sich wieder auf das Eigentliche konzentriert und sich nicht immer nur von Grossem beeindrucken bzw. blenden lassen sollte. Der Inhalt ist mir irgendwo immer wichtig.

Traurig, dass das von vielen immer nur so als Dreck und chaotisch betrach

 

tet wird, aber dass da unheimliches Potenzial drinsteckt und das alles Leute sind, die was machen wollen in der Gesellschaft und dass man die akzeptiert so wie sie sind und da weitermacht... Die Leute die nach schärferen Gesetzen schreien, das sind dann die Leute, die zuhause sitzen und jeden Pup und jeden Vogel zwitschern hören und dann schreien "Hilfe, Polizei, da hat jemand gepupt". Ich denke auf sowas darf man nicht hören, ansonsten kommen wir in so einer Gesellschaft nicht weiter. Man soll sich da nicht irritieren lassen.

Auch wenn millionen Menschen sagen, das ist falsch, dann muss es nicht falsch sein. Das ist müssig und stressig, man kriegt Magengeschwüre von, aber ich kann nicht anders. Nur so kann man mehr aus sich herausholen. Die meisten Leute haben eh mittlerweile eingeschlafene Füsse.    

 

 

:Siehst Du Dich denn in irgendeiner Weise als Teil einer Streetart-Szene?

Eigentlich nicht mehr. Am Anfang fand ich das schon sehr cool, aber mittlerweile hat sich das zu Hochglanz-Streetart entwickelt, so ein Hype für irgendwelche Bücher, aber nicht mehr für das Eigentliche, um sich die Stadt wieder zu erobern und zu zeigen, hier sind noch andere, sondern um Kohle zu machen. Das find ich schade, dass man alles nur nach Markt oder irgendnen Profit betrachtet, dadurch gehen die ganzen Werte und Inhalte weg, die man damit ja auch bezweckt. Das ist für mich auch immer wichtig.

Wenn ich mich selber dabei erwische drüber nachzudenken, "kommt das jetzt an, kaufen das die Leute?"... Das will ich nicht. Ich will das machen, was aus mir kommt. Finden die Leute das gut, freue ich mich und wenn sie es nicht gut finden, dann hab ich Pech gehabt, aber nur so kann das funktionieren, ohne dass man seine eigenen Werte und Inhalte verrät und aufgibt.

Ich hatte auch nie Vorbilder, das kam erst später, da hab ich gesehen, es gibt auch andere Leute, Banksy zum Beispiel, der mir dann auch wirklich aufgefallen ist und dann kamen ja auch unheimlich viele Leute nach Berlin. Dann war die erste Backjumpsausstellung im Bethanien, das hat mir ziemlich gut gefallen.    

 

:Du findest es scheisse, dass andere Leute Kunst für Kohle machen, verkaufst aber selber deine Sachen...    

Ich würde mich auch freuen, wenn die Leute meine Sachen mehr kaufen würden, aber ich mache es nicht aus diesem Grund, sondern um zu überleben, um nicht einzugehen. Für mich war die sehr heilsam die Kunst, das ist viel wichtiger als immer nur an Profit zu denken. Natürlich ist der in dieser Gesellschaft wichtig und ich wäre froh, wenn wir wieder mehr davon wegkommen würden.

Bei mir ists ein bisschen blöde, ich hab halt kein Geld. Ich hab zwar nen Rechner, noch den ersten Pentium 100, da hab ich noch Geld gehabt, und ne Internet-Seite www.4km.de Ich hab noch nicht mal ein Telefon, wegen Schulden. Und ne Mail-Adresse. Das hab ich, aber mehr ist halt nicht drin. Viele Leute kucken mittlerweile ins Internet und ich lauf immer noch auf der Strasse und ich werds auch weiter machen...     

 

 

:Wo gibts denn eigentlich deine Bücher von denen Du erzählt hast?

Die gibts nirgendswo, immer nur als einzelnes Original-Exemplar zu hause. Mittlerweile sinds sechs Bücher und viele Bilder, die ich gemalt habe, sehr wenig ausgestellt.

Ich hab mal so zaghafte Versuche gemacht bei Zitty und Tip (Berliner Stadtmagazine), aber dann hab ich mich von dieser Arroganz, die da rübergekomen ist, abschrecken lassen und bin dann nicht mehr rumgezogen um das zu vermarkten. Obwohl es mir schon ein Anliegen ist. Ich denke, ich hab schon viel zu erzählen in dieser Gesellschaft, denn mir läuft nicht alles am Arsch vorbei.

 

:Erzähl doch mal was zur Fleischerei, die du mit aufgebaut hast. Für viele in Berlin war die offene Siebdruckwerkstatt dort lange die erste wichtige Anlaufstelle um eigene Kunst-Sachen drucken zu können...

Für mich auch. Ich bin ja eigentlich gelernter Tischler und Bauzeichner und hab mir das drucken autodidaktisch beigebracht...     
Wir sind halt 4-5 Leute: Hans, Beat, Looser, icke, Gabba, wir sind so der feste Stamm. Das funktioniert alles nur, weil wir kein Gehalt nehmen. Wir machen das alles ehrenamtlich, unser einziger Profit ist, dass wir unser Zeug drucken. Aber nur so können wir das Projekt aufrecht erhalten, weil wir kaum Förderungen erhalten, in der Regel machen wir das alles aus Fleisch und Blut. Wir wollen in erster Linie selbständig arbeiten. Wir haben auch viel erreicht. Wie viele Leute hier schon durchgeschleust worden sind... ("Schleuse" ist so ein blödes Wort. Bundeswehr, Supermarkt, Schwimmbad, U-Bahn, überall wirst Du durchgeschleust...)

Nee, aber es sind hier schon einige Leute durchgegangen und viele haben auch was davon mitgenommen. Ich denke, ohne mir jetzt auf die Brust klopfen zu wollen, dass viele Leute sich durch das Drucken hier motiviert gefühlt haben und mittlerweile zum Teil eigene Läden aufgemacht haben. Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären bei weitem nicht so viele Läden entstanden. Alleine was T-Shirts angeht. überall war Siebdruck ja eigentlich am abebben. In Schulen und Unis wurden die Siebdruckwerkstätten oft aus kostengründen zugemacht, uns wurde auch gesagt, das hat keinen Sinn, aber da haben wir einfach nicht hingehört, habens einfach gemacht und damit viele Leute erreicht.    
    
Wir habens auch immer für die Strasse gemacht und sind deswegen auf Spenden und so angewiesen, auf Solidarität. Das ist die letzten Jahre ein bisschen kaputtgegangen. Ich weiss nicht, ob sich die Leute von der Politik beeinflussen lassen haben, bewusst oder unbewusst, das hat uns unheimlich runtergerotten.

Die Leute wollten nichts mehr bezahlen, es sind Sachen weggekommen, wir haben keine Spenden mehr gekriegt, es war keine Solidarität mehr da, nach dem Motto, ach da kannst Drucken, die sind blöd und dann gehn wir wieder hin. Deswegen konzentrieren wir das wieder mehr auf Leute, die auch wirklich wissen, was sie machen wollen, wo sich das auch wirklich lohnt sich für die einzusetzen.

Ist halt alles nicht einfach, weil wir ja auch von was leben müssen. Zu wenig zum Leben und zu wenig zum Sterben. Wir versuchen uns weiter zu vernetzen mit anderen Künstlern, gemeinsame Projekte zu machen und die Solidarität wieder mehr in den Vordergrund zu rücken...

 

 

:Danke fürs Gespräch!

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