SP38 Interview (2007)

Seit mehr als 10 Jahren begleiten SP38's schlicht gestaltete, meist handgemalte Plakate mit Slogans wie "Vive le Bourgeoisie" oder "Who kills Mitte" die Entwicklung des Strassenbildes in Berlin-Mitte.

Ein Interview vom 13.12.2007 mit SP38 anlässlich der "Druckmacher" Siebdruck-Ausstellung in der Galerie Neurotitan in Berlin.

 

 

:Wie heisst Du? Was heisst das? Wie lange Zeit bist Du schon in Berlin?     

A: Ich heiße SP38. Es ist soetwas wie eine Marke. Ich glaube nicht, dass mein Name jemanden interessiert. Vielleicht steht es ja auch für gar nichts... So kann man es sich leichter merken und es ist ein wenig myteriös. Es hat etwas von dieser verbotenen Stimmung, dass sich jede_r im Streetart einen Namen gibt. Oder kennst Du Streetart von irgendwelchen Menschen, die Müller heißen [„Dupont“ im O-ton]? Ich bin seit 10, 12 Jahren hier in Berlin.

 

:Klebst Du seitdem in nächtlichen Unternehmungen Deine Poster? Auch andere Sachen? Sticker?

A: Ja, ich bin mehr oder weniger die ganze Zeit aktiv gewesen seitdem ich in Berlin bin, mit ein paar kleinen Pausen. Allerdings gehe ich tagsüber kleben. Nachts wird die Seite bestärkt, dass es etwas Illegales ist. Es ist auch so viel interessanter. Es entmystifiziert den Streetart und teilweise kann ich die Reaktionen der Menschen sehen. Eine künstlerische Unternehmung, die etwas Banales im Alltagsleben wird. So gehe ich tagsüber kleben – so wie eine normale Arbeit.

Schon vorher, als ich noch in Paris lebte, da habe ich mit dem Künstlerkollektiv „zen copyright“ Aktionen gemacht. Wir haben große gemalte Bilder in die Straße geklebt. Wir haben eine Art Piraterie betrieben, indem wir unsere Kunstwerke in die Straße klebten. Es ging auch viel um besetzte Galerie- und Atelierräume. Als ich dann nach Berlin kam, klebte ich anfangs Plakate mit Bildern, das waren dann meist Bilder mit Worten, mittlerweile verklebe ich vor allem Slogans, das sind dann mehr Sätze als nur Worte. Sticker habe ich auch immer wieder gemacht, aber mir ist es immer wichtig, dass jedes Stück einzigartig ist. Also mache ich dann eher mal Sticker, wo ich etwas raufmale oder mit Edding draufschreibe. Ich mache aber vor allem die Poster.

 

 

:Wie reagieren die Menschen auf der Straße?

A: Die meisten Menschen reagieren positiv. Seltener sind die richtig negativen Reaktionen, wo Plakate abgerissen werden, wo sozusagen poster-terroristische Aktionen stattfinden. Vor allem sind die meisten Menschen erstmal neugierig, selten agressiv, vor allem hier in Berlin. In Paris, zum Beispiel, ist die Stimmung etwas agressiver, die Leute sind nervöser. Letzten Monat war ich in Korea, wo die Leute wirklich gestaunt haben, was ich da mache, weil es neu für sie war. Allerdings gab es da auch einen verärgerten Typen, der mich wirklich genervt hat. Aber im Endeffekt sieht ja vielleicht doch nur 1 Mensch von 1000 mich, der das Poster anbringt. Viel eher sieht man noch eine Weile das Plakat.

 

:Ich kenne Deine geklebten Poster mit den blauen charakteristischen Buchstaben und kurzen Nachrichten von der Straße. Malst Du Deine Poster einzeln?     

A: Grundsätzlich male ich sie. Mir ist es wichtig, dass das einzelne Kunstwerke sind. Da ich die Bilder und Slogans selbst male, kann ich auch in Großformaten arbeiten. Das sind direkte Kunstwerke, keine Reproduktion. In diesem Jahr habe ich angefangen, mehr zu siebdrucken. Es geht dadurch viel schneller, ein paar Poster zu haben.   

 

 

:Wie bereitest Du Dich vor, bevor Du Deine Poster verkleben gehst? Machst Du erst Erkundungsgänge?

A: Naja, also zuerst trinke ich Kaffee, dann gehe ich nochmal auf's Klo, dann... nein, Scherz beiseite, zuerst male ich die Plakate in meinem Atelier bei mir zuhause, dann rühre ich Kleister an und packe eine Rolle Papier ein, anschließend schwinge ich mich auf mein Fahrrad und fahre los. Meistens bin ich in Berlin-Mitte unterwegs, denn geographisch gesehen, erscheint es mir als wichtiger Bezirk. Ich fahre eigentlich an den gleichen Orten lang und versuche einen neuen Platz zu finden. Es müssen nicht immer gut sichtbare Plätze sein, aber solche, wo die Chance besteht, dass die Plakate lange hängen bleiben. Ich mache das nicht um Leute zu ärgern. Ausser vielleicht mal ganz ausnahmsweise ein blödes Geschäft, wo ich was gegen habe, da könnte es schon passieren, dass dann da ein Plakat auf dem Schaufenster klebt.
Ich möchte vor allem was in der Straße, in der Stadt machen. Nicht unbedingt ästhetisch, aber etwas, wo die Straße gerahmt wird. Mir gefällt das Ensemble von Plakat und Rahmen. Allerdings mag ich neue Gebäude nicht sehr gerne. Davon gibt es nun viele. Aber Berlin ist groß und es gibt immer noch viel Platz. Ich fahre relativ viel Fahrrad, da halte ich auch meist Ausschau.

:Suchst Du die Inhalte der Sprüche auf Deinen Postern nach den Orten aus? Mir fällt da ein „Who kills Mitte“, das ich vor allem in Mitte gesehen habe, oder „Vive la Bourgeoisie“, scheint mir besonders in Prenzlauer Berg aufgefallen zu sein.

A: Mir ist in erster Linie wichtig, dass die Slogans einfach zu erinnern sind, auch dass sie etwas Witziges haben. Sie nehmen Bezug auf die Stadt und gehen darauf ein, was in Berlin passiert.

 

 

:Ein politischer Hintergrund zu den Postern also?

A: Ja, ein bißchen poltischer Hintergrund schon, aber eher weit gefasst. Vielleicht eher in der Tradition dessen, was man auf Französisch „Agit Prop“ nennt, als rein politisch. Die Message wird auf künstlerischem Weg rübergebracht und gleichzeitig wird das Medium Plakatwerbung verdreht durch Kunstwerke, die in der Straße sind. Außerdem ist es doch auch sehr wichtig, die Menschen zum Lachen zu bringen.
Wenn ich jetzt zum Beispiel „NO PROPAGANDA“ auf meine Plakate schreibe, dann hat das schon einen Ansatz gegen Werbung vorzugehen, gegen den Konsum, aber auch viel Ironie, denn gleichzeitig mache ich Propaganda für mich indem ich den gleichen Weg nutze. Außerdem sind sie Wörter ja erstmal nicht lesbar, weil sie nicht ganz sind. Man muss sich die Zeit nehmen, die zerschnittenen Worte zu lesen und zu verstehen. Es ist ein auffälliger Satz, den diese zwei Wörter ergeben.

Es ist ebenso ironisch anstatt „Vive la Révolution“, wie es in Frankreich eher passend wäre, eben „VIVE LA BOURGEOISIE“ zu schreiben. Das passt zu den Entwicklungen hier in der Stadt. Kein bürgerlicher Mensch würde das an seine Hauswand kleben.
Ich wohne im ehemaligen Ostteil der Stadt, hier ist so viel passiert und es passiert auch weiterhin noch einiges. Ich mache keine Plakate extra für einen Ort, aber wenn ich meine Sloganidee dann gemalt habe, suche ich in Bezug zum Slogan auf dem Plakat den Ort aus. Ich will ja eben nicht so vorgehen wie die Werbungsplakate, die wahllos übereinander geklebt werden. Ehrlich gesagt bin ich aber auch ein etwas fauler Mensch und bin deshalb schwerpunktmäßig in Mitte aktiv.

 

 

:Fühlst Du Dich einer/der Streetartszene verbunden?

A: Ich fühle mich nicht einer Szene verbunden. Ich denke, es gibt den Streetart. Und eine Szene, die sich entwickelt. In Berlin ist sie vielleicht auch relativ groß. Ich bewege mich eher in den Kreisen der Leute, die ich schon lange kenne. Anfangs gab es kaum Leute, die Streetart machten. Rainer, CBS und Stromausfall... ähnlich wie in Paris, da kenne ich vor allem die Leute, die in den 80er und 90er Jahren aktiv waren. Ich fühle mich wirklich keiner Szene zugehörig. Ich glaube aber Streetart ist international, und dass es überall ein bißchen die gleichen Motivationen gibt. Es gibt einfach Sachen in der Stadt, die ähnlich motivieren. In Korea zum Beispiel gibt es kaum Streetart und mehr Verbote, aber trotzdem ähnliche Motivationen. Ich mag es sehr gerne, neue Städte zu entdecken, wo es kaum Streetart gibt, an etwas Neuem teilzunehmen. In Korea hat es mir gefallen. Das, was an wenigem Streetart da war, war sehr engagiert.

 

:Könnte man sagen, dass Du einer der Väter des Streetart in Berlin bist?

A: Als ich hier ankam, da gab es kaum etwas in der Straße und es gab viel zu tun in den Bezirken wo früher Osten war. Ich weiß nicht genau, wie das vorher in Westberlin war. Ich denke, da gab es viel Grafiti. Aber mit den angeklebten Postern war ich vielleicht einer der ersten. Berlin eignet sich gut für Streetart. Es gibt immer wieder Erneuerung, es ist ein gutes Zusammenspiel. Alles passt gut zusammen und es gibt nicht schlecht viel Platz. Einige blöde Sachen gibt’s natürlich auch.

 

 

:Machst Du oft Austellungen? Verkaufst Du Deine Kunst?     

A: Immer wieder beteilige ich mich an kollektiven Ausstellungen, da verkaufe ich auch Plakate, Leinwände und Siebdrucke. Selten mache ich alleine etwas. Ab und zu fragen mich Leute beim Kleben auf der Straße, ob ich ihnen ein Plakat verkaufen würde. Sonst verkaufe ich Sachen in der Fleischerei am Rosenthaler Platz und in anderen Geschäften in Berlin und Paris. Aber verkaufen ist nicht mein Ziel. Hauptsächlich verklebe ich handgemalte und gesiebdruckte Plakate. Das nimmt etwa ein Drittel meiner Zeit ein.

Ich mache auch ab und zu Performances. Das ist ganz was anderes, aber eine Verbindung zu den Slogans auf meinen Plakaten gibt es da, wenn ich Worte in Szene setze. So ensteht eine Folge, eine Komplementarität zu ihnen.

 

 

:Was gefällt Dir in den Straßen Berlins?     

A: Vieles gefällt mir hier. Die Stadt selbst und es gibt auch sehr viel Streetartaktivitäten, da gefällt mir sehr viel, wenn auch nicht alles. Und auch, dass so viel Platz ist, obwohl sich schon sehr viel verändert hat und viel Platz verschwunden ist.     

   
:Wo überall in der Welt kann man Deine geklebten Poster finden?     

A: In Berlin, Paris, Estland, Finland, Montréal, Chile, Korea, ... je nachdem wie lange sie dort bleiben. Ab morgen bin ich in Dresden, da wollte ich ein paar kleben. Überall wo ich bin, klebe ich auch Plakate. Auch wenn der Zusammenhang dann nicht immer da ist.     

 

 
 

:Vielen Dank für das Gespräch (und die Geduld mit dem vertrackten Aufnahmegerät).     
(Interview und Übersetzung aus dem Französischen von Caro: www.taz.de/blogs/streetart für RYC)

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