Rainer aka 6-_-.4rtist.com (2006)

Einer der bekanntesten und fleissigsten Strassenkünstler ist sicherlich Rainer, auch bekannt als 6-_-.4rtist.com. Seit über einem Jahrzehnt dabei, sind seine mit weisser Farbe gemalten 6en, smily´s artgifts und Installationen kaum noch aus dem Berliner Stadtbild zu denken, was ihm mittlerweile sogar schon ins Guinnes Buch der Rekorde gebracht hat...

 

 

:Erzähl doch mal, wie und warum du angefangen hast, Kunst im öffentlichen Raum zu machen?

Ich hatte 1992-1994 Erfindungen im Bereich Fahrrad und Tageszeitungzustellung und das hat mir dann den Kick gegeben, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. In dieser Phase hatte ich dann erkannt, dass ich im Bereich Verkehrsproblematik zumindestens sensibilisierte Leute erreichen und da vielleicht eine Veränderung zu mehr Fahrradmobilität berwirken kann. Ich hatte dann eine Veranstaltung zur Verkehrsproblematik in Mannheim organisiert. Das Konzept war, über Fahrradtechnikaspekte und Fahrrad-Prominente (Olympiasieger Steinweg, Weltmeister der Ärzte ...) Leute zu dieser Veranstaltung zu bringen und diese Veranstaltung dann in eine Fahrrad-Demo, bzw. eine Blockade auf einer Rhein-Brücke übergehen zu lassen. Und um das ganze zu promoten hatte ich die ersten Streetart-Installationen gemacht, also irgendwelche Objekte befestigt mit Hinweisen zu dieser Veranstaltung, auch Fahrradobjekte.

Das war leider nicht so richtig erfolgreich in Mannheim , allerdings in meinem Heimatort hat es ziemlich durchgeschlagen. Das hat die Bevölkerung da ziemlich auf die Palme gebracht. Das ist ein kleiner Ort mit so 5000 Einwohnern und an zwei, drei Stellen sind Kästen, wo Mitteilungen der Gemeinde angehangen werden. Ich hatte da ja gewohnt und das Areal gemietet, wo einer dieser Kästen angeschraubt war. Die Haussubstanz war auch ziemlich abgefuckt, da konnte ich ohne Probleme draufmalen, ein Zitat von Fidel Castro "Wenn alle Völker nach westlichem Vorbild leben, sind wir nach drei Tagen vergast". Die Leute da sind dann ziemlich ins Rotieren gekommen, mit Verwaltung, Vermieter usw. Das Ende vom Lied war, dass ich mich geweigert habe das wegzumachen und deswegen ausziehen musste. Aber dann dachte ich, wenn ich nicht mehr da wohne, kann ich noch ganz andere Sachen fahren, zB vor der Kirche Sonntags Objekte auffahren... Der Ortswechsel hat sich aber dann aber doch ungünstig ausgewirkt, so dass ich untätig wurde in dieser Gemeinde, war dann doch immer zu weit...
Später hab ich aber doch wieder den Rappel gekriegt im öffentlichen Raum zu agieren. Dann standen auch der Klimagipfel und die Reichstagsverhüllung in Berlin an, so dass ich nach Berlin gezogen bin und erstmal bei der Fahrraddemo ein grosses, 3m hohes mobiles Fahrradobjekt geschaffen habe, welches ich dann auch an der Absperrung vor der Bühne plazieren konnte.

Nach der Reichstagsverhüllung ist mir dann gedämmert, dass man sich auf widerrechtlich geklebten Plakaten ohne grosse Einschränkungen mit Pinsel + Cutter betätigen kann. Eine Plakatiererin hatte meine Aktivitäten mal folgendermaßen beschrieben: In 10 Minuten das ganze Strassenbild in der Oranienstr verändert. Damals gab es widerrechtlich geklebte Plakate praktisch an jeder Hauswand und wenn ich da mit weissem Pinsel durchgefahren bin und die Plakate dunkel waren, war ihre Aussage zutreffend.
:Welche zeichen malst Du?
Ich hatte mit der Einstein-Formel E=mc² begonnen, das hab ich modifiziert in E=mc∞ wegen des Einstein-Zitats "Unendlich ist das Universum und die Dummheit der Menschen" Diese Formel hab ich dann sexuell verpackt im Begriff Dild∞ oder Dildoo und auch "Atomdildoo Long John Silver Einstein" zu den damaligen Anti-AKW Demos. Es ging auch und geht immer noch daru, Hinz und Kunz über die Massenmedien zu erreichen.

Später hatte ich dann den Begriff Dildoo mit einer langgezogenen 6 und einem Punkt am Ende dargestellt. Damit war ich bei der 6 und ein anderes Ziel war auch erreicht, Kunst währended der Fahrt vom Fahrrad aus zu fertigen, da sich die Zahl 6 während der Fahrt vom Fahrrad aus auf den Straßenbelag, Plakate oder Sperrmüll malen läßt.
:Wo ist denn der Zusammenhang zwischen Dildos und Fahrradblockaden?
Ich bin mit den Dildoos in eine Zwischenphase eingetreten, wo es erstmal darum ging, bekannt zu werden. Damit so eine Farradblockade auch öffentlich wahrgenommen wird, muss man natürlich die Medien einspannen. Und dafür muss man erstmal bekannt sein, dafür hab ich die Verkehrsaspekte erstmal hinten angestellt. Mit sexuellen Aspekten war bei den Massenmedien natürlich eher zu landen.

Dann irgendwann kam das Internet, was ich dann auch als Möglichkeit erkannt habe, Leute zu erreichen und habe mich gleich im Bereich Adressen ans Werk gemacht. 1998 hatte ich meine erste Homepage. Die Beschäftigung mit Adressen hatte auch dazu geführt, dass ich über erweiterte_@dressen auf bevorzugte Dateien zugreifen konnte. Auf Grund dieser Entdeckung musste ich mich mit PC und Browser beschäftigen, nicht, dass da was drinsteckt, was meiner Technik überlegen ist... Meine ersten Web-Kreationen waren erweiterte AT-@ddresses mit Unicode: ©▓▓▓▓▓▓▓▓▓▓▓> Kreationen (es folgen Erklärungen zu address.initials, ist aber auch auf der Seite www.1cm.de nachzulesen,Anm.).
tagAufgrund dieser Entdeckungen hatte ich auch aufwändigere Gestaltungen getätigt, die diese PC- und Browser-Aspekte zum Inhalt haben, aber nicht so zahlreich. Es macht auf der Strasse leider keinen grossen Sinn, weil die meisten was schnell konsumierbares, visuelles haben wollen. Da ist mehr Internetarbeit von Nöten, um das an die Leute zu bringen...

Zwischenzeitlich hatte ich auch eine Browser-Optimierung gemalt, die sogenannte BrowserBar(.tk). Es gibt die Möglichkeit, die wichtigen Browser-Anteile in einer Zeile zu komprimieren, so dass man mehr Platz zum Ansehen von Web-Seiten hat Diese Browser-Bar ist im durchschnitt 1cm hoch, deswegen hab ich diesen Content erstmal alleinstehend unter 1cm.de beschrieben, später hatte ich dann noch autohide toolbars und address.initials dazugepackt.

Die künstlerische Aussage: Jedes Zeichen ist eine Manifestation der Aussage: "Höherwertigere Lösungen können durch intensiveres Nachdenken erzielt werden"

Diese Aussage kann ich aktuell mit obiger shortcut Technik unterlegen , welche den schnellsten Zugang zu einer großen Anzahl bevorzugter Webseiten, aber auch lokalen Dateien erlaubt.

 

 

:In Hamburg gabs mal viel Wirbel um Deine Arbeit...

In Hamburg war ja der OZ gewesen (vielleicht der bekannteste Sprayer Hamburgs. Seine unzähligen Tags haben dort für viel Aufregung gesorgt. Anm.), da hab ich gedacht, da muss man auch hin und sich in Szene setzen. Zu dem Zeitpunkt gab's ja noch keine Streetart-Szene. Ich bin da nach Weihnachten 1998 angereist, um mit den rausgestellten Weihnachtsbäumen zu agieren. Das lief sehr günstig, weil St.Pauli damals ähnlich wie Berlin-Mitte war, also Haussanierungen, Müll, widerrechtlich geklebte Plakate, Baumaterial entlang der Bahnstrecke. Ich hatte auch ein Haus gefunden, das ich komplett bemalt hatte, eine Installation am Bahnhof (drei Sofas übereinander installiert)... Das wurde von den Medien ziemlich hochgekocht, die Hamburger Morgenpost z.B. ist drauf aufgestiegen. Da war natürlich vorteilhaft, dass da noch Begriffe von Dildo im Gespräch waren. Mit "sechs besessen" war das auf der Titelseite aufgemacht. Danach kamen Talkshows, lokale Fernsehsender konnte ich für eine Aktion vor der Davidswache gewinnen. Mir wurde ein Farbeimer abgenommen und da bin ich mit Kreide und Einkaufswagen vor der Wache angetreten, zwei Zeitungsreporter und zwei Kameraleute von RTL und SAT1 dabei. Die Polizisten mussten natürlich reagieren und haben sich dafür entschieden, den Einkaufswagen mit Brett in die Wache zu tragen, den als Fundsache entgegen zu nehmen. Eine komische Situation. Gemalt hatte ich mit Kreide an der Kante von der Wache.

 

:Du tritts schon immer offen mit deinem Namen auf...    

Ich bin schon der Meinung, dass man dazu stehen sollte, was man tut, und in dem Moment wo man was Schönes oder was Sinnvolles im öffentlichen Raum anbringt, was keinen Schaden verursacht, dann kann man das tun bis zum abwinken. Ein Beispiel ist ja Above, der auch keine Probleme zu befürchten hat... Was meine Aktivitäten angeht, was Farbeimerdeckel, Kleidungststücke usw. sind, lässt mich die Verwaltung schalten und walten. Der Leiter vom Tiefbauamt Mitte kennt mich schon seit 1995, der wär sicherlich so schlau mir erstmal eine E-Mail zu schreiben, aber da kam bisher nichts. Eine sehr hohe Anzahl von ca 450 Kontrollen hatte ich, aber nur 10 Prozent der Kontrollen haben zu einer Anzeige geführt, die wurden aber bis auf zwei alle eingestellt.

 

 

:Was bedeutet der Smily (.tk), den du öfters malst?

Der Smiley geniest eine grössere Akzeptanz als die 6, wenn es riskantere Stellen sind. Ich male ja auch auf beschädigte Stellen von Häusern. Auf die Farbeimedeckeln passt er besser als die 6. Auch erlaubt mir der smily, mit wenig Aufwand eine Webadresse zu malen °° ) und .tk als Nase. Als Webcontent gibt es auch noch den 38igsten e-_-m@il charcter => "-_-" als Teil einer Mailadresse.
:Du gestaltest auch auffällige Internetlinks...

Ca. 2000 hatte ich diese Möglichkeiten erkannt, ASCII- und Unicode-Kreationen in Web-Adressen zu integrieren. Es geht zum einen darum, Internetadressen zu visualisieren zB 1-l.de#..c██1cm.de#==>|_,_|<== zum anderen die Auffälligkeit z.b mit dem "Black █ Block" character oder meiner bevorzugten  sticker Form ▲ ▼ zu erhöhen.

Eine grössere Relevanz hat die Möglichkeit, sinnvolle Zusätze in Web-Adressen zu integrieren zB 4rtist.com#__kurzADR__1cm.de/4. In html eingeschränkten Systemen (blogs, gb´s ,  foren und WIKIES) sind die Xtended.addresses die einzigste Möglichkeit, verborgene Zusätze zu integrieren (alt text ist nicht möglich).

 

 

:Aber verfolgst du das Ziel Verkehrproblematik derzeit noch, oder ist die Kunst eher ein Selbstläufer geworden?

Im Moment schon, aber es ist nach wie vor schon dem Ziel, mit einer grösseren Effizienz Aktionen zur Fahrradproblematik machen zu können, allerdings siehts da grade nicht so richtig gut aus.

 

:Wie hast du die Anfänge einer Streetart-Bewegung in Berlin erlebt?

Also SP, der ist 1995 nach Berlin gekommen, war anfänglich im Tacheles, seine ersten Sachen hab ich 1997 im Hof der NGBK (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Kreuzberg 36, Anm.) gesehen. Der war der ersten der mit ein paar Stickern gearbeitet hatte, noch vor Frank (Stromausfall). 1997 ist auch Gio di Sera rumgezogen und hat massiv Einladungskarten für seine Ausstellung im Bethanien verklebt. "5 Brötchen" war dann eine der ersten richtigen fetten Stickeraktionen, die ich mitbekommen habe neben Franks Stromausfall-Pfeilen. Die haben in der Backfabrik in der Saarbrücker Str. diese Rollen gefunden, gelbe Aufkleber, die sie einzeln oder auch als Tags überall geklebt haben.

Dann kamen die Päckchen-Aufkleber dazu, die damals noch gut geklebt haben. Den ersten Streetartist welchen ich getroffen habe war 1997 Stefan NVE welcher Kreidevögel noch vor Spair gemalt hat. 1999 waren die ersten Paste-Ups von Akayism + ADAM zu sehen. Erst ab ca. 2001 gabs, als die Fleischerei aufgemacht hat, die CBS-Stickers.

 

 

:Vor einigen Jahren gabs auch das Projekt urban-art.info, das einiges davon dokumentiert hat...

Der Dokumentarist Jürgen Grosse, der wahrscheinlich 40-50000 Fotos hat, hatte in der Brunnenstr. Räume angemietet und Leute von ausserhalb zu Austellungen eingeladen, zB Swoon, Solovej, Akay aus Schweden, Stack Honet aus Frankreich, CBS und Stromausfall, Blek Le Rat... Das Projekt lief 1 1/2 Jahre. Dazu gabs eine Internetseite, wo Streetart in Berlin bis ca. 2002 dokumentiert war. Mitlerweile gibts die aber nicht mehr.

 

:Siehst du eine Verbindung von deiner Kunst zu Graffiti?

Das was ich mache, ist ja zum grossen Teil auch Graffiti. Meine "6" ist auf jeden Fall auch ein Tag und ein Tag ist Dank html und flickr nichts Negatives und bietet im Web neue Möglichkeiten. Ich sehe meine Aufgabe aber auch Leuten klarzumachen, dass illegale Graffiti sicherlich der falsche Weg sind. Mehr als ein kurz aufflackernder Fame springt in der Regel nicht dabei heraus. In dem Moment wo einer damit bekannt wird, sind natürlich auch die Strafverfolgungsbehörden stark an ihm interessiert. Mein neuester Tag ist "SeX" im Style von UTE (ex-Writer aus Berlin), womit ich den vergänglichen Ruhm thematisieren will.

 

 

:Gibt es Sachen, die aktuell in Berlin zu sehen sind, die dir besonders gefallen?

Funk25, dem seine Sachen haben eine Top-Ästhetik, da gibt auch die Verbindung mit dem Fahrrad. Die technischen Aspekte bei Above und Space Invaders weiss ich zu schätzen. Swoon auf jeden Fall...

 

:Deine neuste Kreation?

Der Begriff "googleTag". Die Unicode-Kreationen lassen sich auch in den google Ergebnissen plazieren und sollten dort die klickrate erhöhen.

 

 

:Vielen Dank für das Gespräch!

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