OZ ist unsre Leitkultur

Mit unvergleichlicher Hingabe und Konsequenz markiert der Hamburger Sprüher OZ die Hansestadt – und kriegt wie kaum ein anderer die Repressalien der Behörden zu spüren. Das Pappsatt-Kollektiv erklärt in seinem Beitrag für das Buchprojekt "Free OZ", warum wir alle ein bisschen OZ sein sollten...

„Free OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz“, Assoziation A Verlag, 2014. Ein Beitrag über den Band und die Bookrelease-Veranstaltung im Hamburger Gängeviertel findet sich hier.

Fotos: Pappsatt und Theo Bruns (OZ-Bilder)

 

 

OZ ist unsre Leitkultur

 

Kurz vor dem 1. Mai 2011 okkupieren wir Tonis Hinterhof und basteln große Buchstaben an Latten: FREE OZ. Gemäß des alten Pappsatt-Vorsatzes »Nie mehr auf eine Demo, ohne etwas in der Hand« schleppen wir uns zwei Tage später auf der Revolutionären 1. Mai Demo einen ab. Wir stemmen uns in den Wind, die Demospitze galoppiert davon, auf der Karl-Marx-Straße splittert Bankenglas ... Aber was hat die Hamburger Legende OZ mit der Berliner Interpretation des internationalen Arbeiter_innenkampftages zu tun?

 

Gefühlt kennen wir OZ schon immer. Mit zwölf mit Großmutter auf Hamburgtrip: überall Smileys. Oder die Nachrichten über den »Verrückten«, die in die Graffitis-Szene vordrangen. Eine Ausstellung in Jürgen Großes »Urban Art Info« offenbarte uns dann das komplexe Werk des Hamburger Sprayerkönigs und auch die Repression, die er bereits erfahren musste. Vor allem die politische Dimension des Phänomen OZ wurde offensichtlich. Allein die Tatsache, dass OZ mehrere Jahre wegen Sachbeschönigung in Knästen und Anstalten verbracht hatte, machte ihn uns sympathisch: Die »Unbelehrbarkeit«, die Prügel, die er im Laufe seiner Tätigkeit kassiert hat, sein Kampf gegen die »Saubernazis«, seine Unbeugsamkeit und Beharrlichkeit.

 

 

Schließlich war es eine Info- und Soliveranstaltung im Rahmen des Vandal Cafés nach Hamburger Vorbild, das den laufenden Prozess gegen OZ im Frühjahr 2011 vor allem der Berliner Graffitiszene vorstellte. Das Vandal Café präsentiert in unregelmäßigen Abständen unterschiedlichste Graffiti-Thematiken und wählt dafür unterhaltsame Veranstaltungsformate. Selbstkritisch wird sich dabei mal mit dem Geprolle und Mackertum in der Szene auseinandergesetzt, mal der Zusammenhang von Gentrifizierung, Kiez-Patriotismus und Graffiti diskutiert. Die Verunstaltungsreihe Vandal Café ist wie ein reflexives Gewissen der Szene.

 

Unter der Überschrift »Sind wir nicht alle ’n bisschen OZ?« diskutierten die beiden eigens angereisten Anwälte und ein Recht-auf-Stadt-Aktivist aus Hamburg mit den Anwesenden. Während die Anwälte das Verfahren aufrollten und ihre Prozessstrategie erläuterten, verknüpfte der Aktivist die Repression gegen OZ mit der Kritik an der neoliberalen Stadt. Aus dem Publikum wurde in der anschließenden Diskussion unter anderem gefordert, OZ‘ komplettes Werk unter Denkmalschutz zu stellen um seine Immunität zu erwirken.
Abschließend wurden gerahmte Fotos versteigert, um den Rechtsbeistand finanziell zu unterstützen. Wir ersteigerten unsere Lieblingsbilder und ließen sie vom King signieren.

 

 

Doch in solidarischer Nähe und räumlicher Distanz lief noch einiges mehr in Berlin: Mittels einer »Berliner Erklärung zum Fall OZ« wurden viele Hundert Unterschriften gesammelt, darunter von so illustren Unterzeichner_innen wie Banksy, Fettes Brot und Tocotronic. Selbstgedruckte OZ-T-Shirts gingen weg wie warme Schrippen und der Erlös floss direkt in die Finanzierung der Prozesskosten.

 

Auf unserer »Recht auf Stadt«-Exkursion nach Hamburg im Herbst 2011 streunten wir zwischen unseren Terminen durch das Hafenviertel, Altona und St. Pauli und bestaunten zum ersten Mal bewusst das Werk des Künstlers OZ auf den Straßen seiner Stadt. Die bald schon historisch anmutenden Wandgemälde, die lächelnden Verteilerkästen, die OZ-Tags, seine verbildlichte Solidarität mit dem Fußballverein St. Pauli, die sich im Laufe der Jahre verändernde und erweiternde Formsprache, und schließlich die der Kindermalerei entnommene Spirale, die mit Wachsmalkreide auf allen erdenklichen Untergründen, vor allem auf den mit Antigraffitifarbe beschichteten Hauswänden, ihren Platz findet. Wir entdeckten und staunten über die Vielzahl der Motive und die Wahl der Stellen.

 

 

Wir malen uns die Stadt aus

Wenn wir ein Schattenkabinett aufstellen sollten, wäre OZ unser Draußenminister. Weil er genau das macht, was wir super finden und was wir auch schon fast immer machen. Unser Zugang zur Stadt ist die Farbrolle, der Marker, die Dose und der Quast. Eigentlich eher harmlose Werkzeuge, die jedoch massenhaft draußen angewandt eine starke Wirkungsmacht erzielen können. Diese Werkzeuge sind leicht verfügbar und ermöglichen jedem Individuum den kreativen Eingriff in das Stadtgeschehen.

 

 

Die populärste urbane Kunstform – die Graffiti-Kultur –, die in der BRD seit fast drei Jahrzehnten beständig Jugendliche dazu bringt, sich nachts heimlich rauszuschleichen, über Zäune zu klettern und ihre Pseudonyme zu schreiben, ist ein Kommunikationssystem in der Anonymität der Stadt. Nur Eingeweihte können an dieser Form der Kommunikation teilhaben, da Lesbarkeit selten im Vordergrund steht und explizite Botschaften rar gesät sind. Selbst das geschulte Auge braucht Ausdauer, um sich in Städte hineinzulesen. Wer malt wo, wer malt mit wem, wer war schon mal hier?

 

Der Sinn des Markierens von Wänden und Zügen ist die Hoffnung auf Anerkennung durch die Szene. Diese applaudiert zu Entschlossenheit und Dreistigkeit: krasse Stellen, große Bilder, Tageslicht-Aktionen, U-Bahnen ... Je schwieriger und halsbrecherischer, desto mehr Fame. Na gut, Stil wird auch noch mit gerechnet. Dieser Wettkampf greift wie keine andere Form die Herrschaftsverhältnisse im öffentlichen Raum an, weil Graffiti die Eigentumsverhältnisse nicht akzeptiert. Der Großteil der Graffiti-Szene würde sich selbst wohl als unpolitisch bezeichnen, obwohl der bewusste Gesetzesübertritt einen symbolischen Akt der Aneignung darstellt. Letztendlich geht es doch um die Frage, wer die Entscheidungsgewalt darüber hat, wie Stadt und öffentlicher Raum gestaltet werden – und in wessen Interessen. Stadt nicht als vorgefertigt und unveränderbar hinzunehmen, sondern als Produkt der Menschen, die sie nutzen.

 

 

Dem Akt der selbstbestimmten Aneignung begegnet die Ordnungsmacht mit Repression. Geldstrafen und auch Knast sind keine Seltenheit. Dazu kommt das rigorose Entfernen von Graffiti auf Hauswänden und Zügen. Jedes Bombing, jedes Tag ist ja schließlich auch ein Beweis dafür, dass die Kontrolle des öffentlichen Raums unterlaufen und die Ordnungsmacht nicht anerkannt wird. Auf die versuchte Verbannung von Graffiti aus der Stadt reagiert die Szene mit Kreativität und/oder hartnäckigem Bombing, das bewusst nicht gefallen möchte. So werden mittels neuer Techniken neue Flächen erschlossen, die mit der Dose unerreichbar sind: Teleskopstangen um Namenszüge und Figuren von Dachkanten runterzurollen, mit Farbe gefüllte Feuerlöscher um in kürzerer Zeit noch mehr Raum einzunehmen, Seil und Klettergurt, um ganze Fassaden zu bemalen und sich gegenseitig zu sichern.

 

Wann kommt die Bunte Hilfe?

So kreativ die Szene auf die zunehmende Kontrolle und Normierung ihres Spielplatzes, des öffentlichen Raums, reagiert, so unkreativ positioniert sie sich in der diskursiven Verhandlung dieser gesellschaftlichen Entwicklungen. Nur noch wenige Vereine und Institutionen machen sich öffentlich für Graffiti stark und fordern legale Flächen zum Malen. Noch miserabler sieht es allerdings auf der Ebene der Antirepressionsarbeit aus. Zwar werden Verhaltensregeln wie »Wir labern nicht mit den Bullen« in der Szene weitergegeben und Sicherheitsvorkehrungen bei illegalen Aktionen getroffen, wird mensch allerdings erwischt, ist mensch – ganz im Sinne, wie Repression wirken soll – auf sich allein gestellt. Eine »Bunte Hilfe«, die als Antirepressionsplattform alle Fälle sammelt, Öffentlichkeitsarbeit macht und vernünftige Rechtsanwält_innen vermittelt und teilfinanziert, wäre dringend notwendig und eine wunderbare Sache.

 

 

Leider wohnen der Szenelogik jedoch Mechanismen inne, die Solidaritätsarbeit erschweren. Wenn Graffiti-Superstars in U-Haft gesteckt werden, gibt es zwar immer mal wieder Kampagnen für deren Freilassung. Ein Großteil der Repression bleibt aber von Seiten der Aktivist_innen unbeantwortet. Anstatt sich für die Graffiti-Kultur an sich einzusetzen, verlieren sich die Protagonist_innen im Wettlauf um die besten Stellen. Aus diesem Grund wäre ohne die Unterstützung politisierter Kreise die Soli-Kampagne für OZ nicht ins Rollen gekommen: Die hergestellte Gegenöffentlichkeit, die Solidarität der verschiedenen Szenen (Graffiti, Recht auf Stadt, Ultras, Künstler_innen) ließ den Markier-Meister nicht alleine. OZ-T-Shirts, Presseerklärungen, Solidarität im Gerichtssaal, ein OZ-Special im Graffiti-Magazin Stylefile, eine Online-Petition für den Freispruch, Free OZ-Graffitis zählten zu den eingesetzten Mitteln.

 

 

Der Fall OZ und die entstehende Soli-Bewegung waren etwas Besonderes. So besonders wie OZ auch selbst ist. Ein Über-Sechzig-Jähriger, der immer noch abgeht. Er geht ab und kümmert sich dabei nicht darum, was die anderen von ihm denken. OZ ist nicht die Graffiti-Szene, OZ ist ’ne ganz andere Nummer, weil er sich keinen Regeln unterwirft und trotzdem so funky ist. OZ ist sich – im Gegensatz zur Graffiti-Szene – der politischen Dimension seines Tuns bewusst. Seine Statements gegen die Norm, die Spießer und Saubernazis sind eindeutig. Er macht das, wovon er überzeugt ist. Und OZ macht viel mehr, als immer nur seinen Namen zu schreiben. Er arbeitet an der Gestaltung die Stadt. Er pflegt sie, wenn er eigenhändig kleine Parks anlegt und großflächige Wandbilder produziert. Durch ihn bekommen die starren Oberflächen der Stadt ein Gesicht. Ein Gesicht, das vom Leben in der Stadt zeugt. Einem Leben, das mit Engagement, Risiko und Überzeugungen zu tun hat und wenig mit Konsumplastikwelten, Waschbeton und Spiegelglas. Es sind die Unorte der Stadt, derer OZ sich annimmt. Stadtmobiliar, dem keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, Brachflächen, die Rückseiten von Straßenschildern, alles, was eben ein bisschen Farbe und Charakter gebrauchen kann. Die Stadt – in Form z.B. eines Stromkastens – guckt dich an und spricht zu dir. Was hast du zu sagen?

 

OZ ist einer der emsigsten Arbeiter im Kampf für eine lebenswerte Stadt. Eine Stadt, die von unten gemacht ist und für alle da ist. Deswegen hat er unsere volle Solidarität. Wir kündigen schon jetzt seine Befreiung an, sollte er erneut eingebuchtet werden.

Berlin, Januar 2013

 

 

Links:

Vandal Café #4 _ Der Fall OZ in Hamburg – Naegeli reloaded?
freeoz.blogsport.de

Kontakt: pappsatt(at)riseup.net
 

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