Interview mit Börek (Dez 2006)

wenn man viel in kreuzberg 36 unterwegs ist, lassen sich die characters von Börek kaum übersehen. schon seit einigen jahren erfreut er uns immer wieder mit sympatischen gesichtern, aggressiven sprühdosen und liebevollen Gipsinstallationen.

ein gespräch über nächtliche unternehmungen, massentauglichkeit und unbekannte fans.

 

:wann und warum hast du angefangen zu sprühen?

im endeffekt hat's mit soner infantilen schwärmerei für coole graffiti-bildchen und dem ganzen pathos, der mit dem hip-hop-zeug verhaftet war, angefangen und dann zeichnet man halt auch mal nen style und probiert sich mit buchstaben aus. ich hab aber schon immer gezeichnet und mich bildnerisch betätigt, weil meine mutter mir stifte und papier in den laufstall gelegt hat. graffiti fand ich dann einfach "cool", da bin ich hinterhergetrottet und der rest hat sich ergeben.

als ich die ersten male illegal gemalt habe, war es totaler rotz und ich hatte ein schlechtes gewissen, weil ich dachte, es sei verantwortungslos der öffentlichkeit gegenüber. deswegen hab ich erstmal dosenhandhabung auf ner leinwand zu hause geübt und erst als ich dachte, jetzt hab ichs einigermassen drauf,so dass ich ein bild schnell malen kann und es einigermassen qualität hat, bin ich wieder rausgegangen. die bilder sehen für mich mittlerweile auch grässlich aus, aber es war halt das, was ich damals machen wollte. seit drei jahren vielleicht male ich etwas intensiver, vorher war's eher sporadisch, weil mir die infrastruktur an leuten gefehlt hat.

 

 
 
 

:deine kunst kann man ja als zwischending zwischen graffiti und streetart sehen. viele writer z.b. schieben ja nen ziemlichen film auf die streetart szene. wie siehst du dich da, siehst du ne trennlinie zwischen streetart und graffiti?

trennline schon, aber es widerspricht sich nicht, sich mit sticker, plakat, schablone publik zu machen oder mit chrom-schwarz bombings. da sehe ich keinen grossen unterschied in der sache, wenns darum geht aktiv zu sein. wenn man jetzt ne realness-diskussion führen will, wirds natürlich schwierig, weil da auch jeder seinen standpunkt hat.

ich jedenfalls liebe es bomben zu gehen, irgendwo, mit freunden nen chrom-klotz hinzuballern, aber ich liebe es genauso ein kleines plakat oder kleine aufkleber zu kleben oder auch plastische figuren zu montieren.

 

 

:hast du schon immer hauptsächlich characters gemalt?

ich hatte zwei einschneidende situation als ich klein war,denk ich; da haben meine eltern im urlaub einen kurzen zwischenstop mit dem auto gemacht und direkt gegenüber vom parkplatz war ne wand mit einem geisterkopf, son richtig schönes plastisches gesicht mit dose gemalt, das fand ich überfaszinierend.

und auf ner jugendreise, war son typ, der hat schon "merry muthafuckin x-mas" und "what´s my name?" gehört, als ich dj bobo und disney club cool fand, er hatte nen ghettoblaster und ein selbstgemaltes airbrush-tshirt mit nem character, der ne dose in der hand hält. das waren sachen die mich krass auf die schiene gebracht haben. auch dieses schwarzkopf und schwarzkopf-buch über characters war der übelste flash für mich. auf jeden fall war dieses figuren-ding immer ein starker focus von mir.

 

 

:von dir gab es in kreuzberg ja schon einige gipsarbeiten zu sehen...

...naja, geht so, nicht so viel. vor allem war das noch krass unausgereift. ich hatte mal die technik des verfielfältigens durch gipsgiessen entdeckt und habe wie ein irrer köpfe gegossen, bis ich davon 40-50 hatte, hab die kurz mal einfarbig lackiert und lieblos irgendwo hingehängt. da wurde es,z.B., schwierig für mich Bombing-und streetart-ambition in einklang zu bringen,zum einen den bombing-fame-aspekt, zum anderen die freie künstlerische "inbezugnahme" des betrachters. das ist so n konflikt in mir.
:die leute sind auf jeden fall ganz schön darauf abgefahren. ich hab zettel hängen sehen mit nachrichten an dich, dass du dich mal melden sollst und so...

das war sehr abgefahren. da hat jemand ein foto von dem einen gips-gesicht gemacht und son laminierten klettverschluss-zettel hingeklebt mit email-adresse oder telefon-nr. irgendwer hat auch mal einen brief gefunden. sowas ist natürlich geil, die meisten wurden aber wahrscheinlich von leuten mitgenommen oder mutwillig zerstört. bei der backjumps-ausstellung beispielsweise hab ich aus jux son ding in den flur geklebt, das wurde wohl von der putzfrau entfernt und einer von den ausstellungsmitarbeitern hat sich das dann mit nach hause genommen. ist auch cool, wenn man weiss, dass die leute sich drüber freuen, dann ist es da auch gut aufgehoben.

 

 

:gibt's auch direkte persönliche reaktionen?

ja, seltsam. fremde erzählen mir plötzlich was zu meinen bildern und einmal in nem club kam ein mädel zu nem kumpel und umarmte den, während sie ihm sowas sagte wie: "börek, deine sachen sind so geil", weil: nur gehört, und dann auch noch falsch. das ist schon sehr befremdlich, dass leute ankommen, die ich nicht kenne und sagen, das ist cool was du machst, obwohl es auch irgedwie ein geiles gefühl ist.

es gab auch reaktionen von gewissen gestandenen graffiti-veteranen, die ich ziemlich cool fand als ich in den schwarzkopf und schwarzkopf-büchern geblättert hab, die bilder von mir und meinen kollegen gekrosst haben. das lässt einen gewissermassen schon an sich selbst zweifeln, weil man ja mal zu diesen leuten aufgeblickt hat.
 

 

:das ist glaub ich, was ich mit dem graffiti/streetart-battle meinte...

das ist auf jeden fall ne frage der gegenseitigen akzeptanz. ich kann schon die aggression verstehen, die bei machen writern und klassischen bombern entsteht. es ist halt "massentauglicher", was ich mache,der durchschnittsmensch findet auf jeden fall leichter zugang zu dem, was ich mache, als zu schriftzügen. das kann ich schon verstehen, das ist ja auch gewissermassen unfair.

man betreibt was mit der gleichen intensität und liebe wie jemand anderes, nur der macht was gesellschaftstauglicheres und findet dadurch mehr akzeptanz. man könnte mir oder auch street-artisten, die mit aufklebern fame werden, schon vorwerfen, dass sie es sich leicht machen oder sich anbiedern. es ist natürlich leicht mit kleistereimer rumzuziehehn und plakate zu kleben. man riskiert nicht von der polizei mitgenommen zu werden und ne nacht auf der wache zu verbringen, fingerabdrücke, vielleicht noch ein verfahren.

da hatte ich anfangs auch aggressionen, weil ich einfach neidisch darauf war, was die leute z.b. in friedrichshain machen, wo es ja plakatemässig ziemlich abgeht. da hab ich mitlerweile mehr respekt für, weil ich gesehen habe, dass sich viele leute auch trotzdem sehr viel mühe mit einem plakat machen und das nicht nur noch vervielfältigen und papierzettel aneinanderkleben, wie ich dachte. das war mir persönlich auch zu billig.

 

 

:1up?

na, ich hab zufällig mal den einen von denen kennengelernt, denn sind wir mal zusammen malen gegengen und dann kam eins zum anderen. mittlerweile sehe ich mich schon fast als bestandteil dieser "crew". ich hab auf jeden fall krass durch die jungs profitiert, dadurch, dass die phasen hatten, wo die wie die irren abgegangen sind, nachts mit fahrrädern quer durch berlin geheizt sind um 10 bombings hintereinander zu malen. das pusht natürlich, selbst wenn man nur die hälfte der bilder mitmacht, hat man schon ordentlich stellen gerockt. und die freuen sich, wenn ich son character neben oder in ein bild male. so ist das ne ganz fruchtbare zusammenarbeit.
:wie oft seid ihr, oder bist du, eigentlich schon von den bullen mitgenommen worden? manchmal frag ich mich schon, wie dreist man eigentlich sein kann...

darüber schweige ich jetz mal. sagen wir so, ich hab schon bekanntschaft mit den männchen in grün gemacht und auch so, dass ich sage, ich brauch die nicht zu vertiefen.

 

 

:yo-crew?

ja. ein kumpel von mir hat sich das ausgedacht und ich war von diesem namen "yo!" total begeistert. problem war, dass er bei irgendwelchen zug-durch-die-nacht-aktionen von ziften dokumentiert wurde. er musste krass viel strafe und schadensersatz bezahlen und war danach ziemlich gehemmt rauszugehen. deswegen hab ich grösstenteils allein die yo-sachen gemacht. das läuft auch immer noch nebenher. einem anderen freund haben wir gesagt, ok, du musst jetzt mitmachen... der hat aber nie richtig bock auf yo-crew gehabt, weil der eher sein eigenes ding machen wollte.
:im overkill-shop gab's mal ne super ausstellung von dir. ist mal wieder eine in aussicht?

wäre wünschenswert. ich hatte zwar gerade bei dieser bodé-tribute-geschichte im 103 mitgemacht und da nen schuh bemalt, aber halt nicht mehr. allerdings ich hab gerade aber erst mal andere sachen im kopf, die vorrang haben,was lebensorganisatorische sachen anbelangt. da erleb ich immer wieder krasse diskrepanzen, was den graffiti-lifestyle angeht zu dem normalen bürgerlichen leben.

 

 

:hast du skrupel, deine kunst kommerziell zu verwerten?

das ist das dilemma, vor dem ich stehe, dass non-profitable strassenkunst nicht wirklich mit galerie- und ausstellungssystem harmoniert. den namen, den ich mir gemacht habe, jetzt auf galerienebene zu transferieren, bereitet mir echt kopfzerbrechen.

auf der anderen seite möchte ich gerne in diese sphäre hinein, weil es einfach die möglichkeit bietet, seinen lebensunterhalt zu sichern mit dingen, die einem am herzen liegen. aber damit tue ich mich im moment echt schwer, inwieweit ich mich und meine sachen prostituiere. aber man muss halt auch kucken, wo man bleibt und wird auch nicht jünger.

 

 

:was hat dich gereizt, illegalisierte kunstformen zu wählen?

anfangs der reiz dieser verbotenen nächtlichen aktivität, stift hier - stift da, irgendwann macht man sich dann gedanken darüber, kommt auf so ideen wie usurpation des öffentlichen raums und den oligarchen den kampf ansagen, ich bin jetzt der robin hood, der dem armen bürger sein recht auf den öffentlichen raum zurückholt. das ist dann für mich zu einem wichtigen aspekt geworden.
auch das non-profitable, man fühlt sich fast schon als vorreiter für einen neuen gesellschaftsentwurf. und dann irgendwann kommt man wieder auf den boden der tatsachen zurück, weil man merkt, dass man doch nicht so viele leute erreicht, um die gesellschaft grossartig zu ändern und man beschränkt sich darauf, dass es ne liebe geworden ist und man mit leuten redet, die es auch gerne haben, denen man tagtäglich vielleicht nen grund zur freude gibt...

 

:lustigste aktion?

es gibt ein paar bilder, bei denen ich sage, richtig geil, auch die aktion selbst, es zu malen. ich hatte mal kuscheltiere mit monsterfressen in die strassen gehängt, da hatte ich ne enge bindung zu den dingern, weil ich die cool und sympatisch fand. aberes gibt einfach so viele geschichten, die einem passieren, wenn man malen geht. dass man ein gerüst in der nacht hochklettert um ein roof zu malen und dann steht ne türkische familie auf dem balkon, weil die plötzlich wach geworden sind, und der vater sagt "jungs, seid doch mal leiser, da drüben wohnt ein bulle, wenn der euch erwischt, kriegt ihr ärger" und die tochter: "na ok, wenn ihr bloss malt, aber seid leise" und die oma ist erleichtert, weil sie dachte, wir wollten einbrechen.
einmal wurd ich aber auch mit dem baseballschläger bedroht... trotzdem ist sowas auf jeden fall immer eine erfahrung und bereicherung. man kommt in situationen, die es wert sind, sie erlebt zu haben, auch wenn sie vielleicht erstmal negativ sind.grossen spass hat mir auch immer rooftop-checken gemacht, zu versuchen auf dächer zu kommen und so weit wie möglich auf denen zu laufen. sowas hat mir graffiti gebracht.

 

 

:gibt es künstler, die dir auffallen, die du besonders magst?

da kann ich endlos aufzählen. aber was mir in letzter zeit echt gefallen hat, waren die U.T. (ugly teenz)-geschichten. Geflasht haben mich auch diese gänse auf papier, oder der typ, der diese lockenkopf-figuren auf styropor hinter schilder klebt. aber es gibt so viel cooles Zeug auf der straße bla bla bla...

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