"I want to be a part of the city that i live in" - Swoon:Toyshop (2003)

Folgendes Interview wurde von Leuten der arranca! Redaktion geführt und erschien in der arranca! Ausgabe 28, Winter 03/04. Vielen Dank, dass wir das Interview hier nocheinmal veröffentlichen können!

 

Die New Yorker Künstlerin Calendonia Curry aka Swoon ist neben ihren Postern, Stickern und Linoleumdrucken vor allem für ihre aufwändigen Scherenschnitte "berühmt" (und berüchtigt) geworden, die man auch seit einiger Zeit auf Berliner Wänden bewundern kann. Als Teil des Toyshop-Kollektivs organisiert sie in New York seit Anfang 2003 comunity-orientierte Events, wie z.B. spontane Straßenfeste, überdimensionale Schachspiele in denen Menschen zu Spielfiguren werden und ganz Manhattan das Schachbrett bildet; aber auch internationale Kunst-Austauschprojekte wie das "Indivisible Cities Project".

Im Rahmen des Ausstellungs-Projektes "Backjumps - The Live Issue" das vom 22.8-5.10.2003 in den Räumen des Berliner Kunstraums/Bethanien stattfand, kam die 26jährige für einige Wochen nach Berlin.

 

 

:Siehst du deine Kunst als Medium für Botschaften?

Ich versuche meine Kunst nicht als Plattform zu nutzen. Diese Sachen sind mir unangenehm, obwohl ich manchmal denke, wenn du wirklich ehrlich und nah an dir arbeitest, machen sich deine Gedanken und Gefühle über die Gesellschaft irgendwann selbständig und spiegeln sich in deiner Arbeit wieder.

Während der amerikanischen Bombardierung des Iraks habe ich unbewusst, ich schwöre zu Gott, zufällig eine Mutter mit Kind gemalt, die vor einem Luftangriff davonrennt. Ich dachte mir, dass sie vor einer Heuschreckenplage davonläuft. Zu der Zeit war ich stark von der biblischen Idee von Heuschreckenplagen beeinflusst. Also malte ich diese Frau, wie sie ihr Baby hält und in den Himmel schaut und das nächste was ich weiß ist, ich malte diese Heuschrecken, die sich in Bomberflieger verwandelten. Und ich dachte mir, huch, diese Heuschrecken sehen aus wie Flieger und diese Flieger werfen Bomben und dann wurde mir völlig klar, das Ganze entspringt meiner wahnsinnigen Angst vor dem, was gerade abgeht. Auf diese Weise komme ich zu den Bildern, die ich auf die Strasse bringen möchte. Aber eigentlich möchte ich die Stadt zu einem Ort meiner Reflektionen machen. Deswegen vermeide ich spezifische politsche Themen, weil ich denke, auf der Strasse zu arbeiten hat eine eigene politische Natur an sich.

 

:Was denkst du über Künstler, die ihre Arbeit als politische Plattform nutzen?

Du meinst Leute, wie Banksy. Ich habe Leute sagen hören, Oh ich kann mit dieser Kunst nichts anfangen, sie ist so politisch, aber ich denke mir, dass er wirklich witzig ist und..

 

: ...und romantisch!

Vollkommen romantisch, z.B. der Affe im Zoo, der diese Schild hält auf dem steht: "Nobody will let me go home!" Es ist wirklich schrecklich ernst und gleichzeitig so ironisch. Ich liebe diese Sachen und respektiere ihn wirklich dafür. Ich glaube aber, dass ich meinen eigenen Weg finden muss. Das ist absolutes Neuland für mich und ich muss vorsichtig herausfinden was, wann und wie ich meine politschen Gedanken repräsentieren will.

Ich habe mir viele dieser Werbeflächen angeeignet, weil ich fand diese Werbeflächen verlangen einfach zu viel von dir, sie wollen ständig deine Aufmerksamkeit, versuchen dir diese total spezifische Botschaft zu vermitteln. Ich wollte das Ganze mit etwas zerstören, das nicht um etwas fragt, etwas, was irgendwie fehl am Platz war, etwas wie ein Geschenk.

 

:Möchtest du dennoch, dass die Menschen etwas denken oder fühlen, wenn sie deine Arbeit sehen, oder ist es eher, dass sie sich ihre eigenen Gedanken machen sollen?

Ich will auf jeden Fall, dass sich die Leute ihre eigenen Gedanken machen. Es wäre schön, wenn sich ihre Gefühle dabei mit ihren Erfahrungen verbinden könnten. Meine letzte Arbeit waren Portraits in den Straßen, weil ich wollte, dass die Leute eine menschliche Präsenz auf der Straße spüren sollten. Die Stadt sollte dadurch viel transparenter werden, indem sie Teile von sich selber auf den Wänden sieht. Für mich hat meine Arbeit im Moment viel damit zu tun, dass ich die Stadt erforschen und die Leute, die mit mir darin leben, reflektieren oder portraitieren will.

 

 

:Der Fakt, dass die Optik in der Stadt hauptsächlich durch Werbung dominiert ist, nerve dich, erwähntest du vorhin. Deswegen hast du dir diese Flächen einfach genommen. Ich möchte mein Interview gerne um das Thema "Aneignung" fokussieren, was sind deine Gedanken dazu in dem Zusammenhang?

Das ist eine sehr interessante Frage für mich, weil die Leute mich oft fragen, was die politische Natur meiner Arbeit sei und ich tendiere dazu zu sagen, dass ich meist keine spezifischen politischen Themen habe. Anderseits liegt mir sehr daran, so etwas wie einen Common Sense in bezug auf den öffentllichen Raum zu schaffen, so etwas wie einen visuellen Common Sense.

Ich habe Street Art rein visuell begonnen und dachte mir, dass die Wände in New York City wirklich schön sind und dass ich mit ihnen arbeiten möchte. Und dann, als ich damit anfing, begann ich mich zu fragen, wessen Wände das eigentlich sind und für was sie genutzt werden. Ich fand heraus, dass sie alle von privaten Besitzern vermietet werden, an diese großen Unternehmen, die dadurch Millionen von Menschen, die in der Stadt leben, ansprechen wollen.
bikeIch dachte mir also, auch wenn dir diese Fläche technisch nicht gehört, wenn sie dazu genutzt wird, dich anzusprechen, fühlt es sich ein wenig an, als wenn sie dir gehören würde. Wenn dieser Raum dazu genutzt wird, die öffentlichkeit anzusprechen, was ist er anderes als öffentlicher Raum?

Ich denke, ein wenig wegen der Frustration mit der Werbescheisse, durch den Willen, die Straße auch anderweititg nutzen zu wollen und die Leute anzuregen, diese Fläche zu nutzen, habe ich angefangen mich gezielter mit Eigentumspolitik in der Stadt beschäftigt. Mit visuellem Common Sense meine ich, dass die Leute sich klar werden müssen, in einer Situation, in der Shopping Malls die Funktion von Dorf- oder Marktplätzen übernehmen, muss sich etwas verändern. Wir haben immer weniger Orte, wo Leute abhängen, Gedanken und Ideen austauschen und diskutieren können.

Ich habe angefangen, den öffentlichen Raum bewusster zu nutzen, weil es für mich eine interessante philosophische Frage ist, wo privates Eigentum anfängt und wo es endet und wo der öffentliche Raum beginnt. Ich glaube, dass in unseren Städten, die Wände und die Werbeflächen und all die anderen Formen von Werbung eine Art dritter Raum werden, also auch wenn sie jemandem gehören, kommt es mir nicht notwendigerweise wie rechtmäßiger Privatbesitz vor.

 

:Das Gemeine ist, prinzipiell stünden diese Flächen ja allen Menschen offen, weil du sie mieten kannst - aber nur zu einem bestimmten Preis, den sich die Menschen, die sie sich tagtäglich ansehen müssen, nicht leisten können..

Da hast du Recht, ich habe das immer mit alten Formen von Demokratie verglichen, in denen nur diejenigen wählen durften, die Land besaßen. In der urbanen Landschaft von heute haben die Menschen nichtmal mehr dir Möglichkeit zu wählen und zu bestimmen, wie diese Flächen genutzt werden, außer du hast das Geld dazu. Ich denke, ich würde diesen Zustand gerne umdrehen, sodass die Menschen mitbestimmen können, was mit diesen Flächen geschieht.

 

:Spielt der Fakt der Illegalität eine Rolle für dich?

Nicht wirklich, insofern, dass mich diese Art von Gesetzen nicht interessieren. Die Leute wollen immer von mir wissen, ob ich schon mal verhaftet wurde und wie das war, und ich kann nur mit den Schultern zucken und sagen, sorry, Leute, mit solchen Crime Stories kann ich nicht dienen. Ich weiss, dass es für viele Graffitiwriter eine Sachen des Stolzes ist, nur illegale Sachen zu machen, je gefährlicher desto besser und so, aber auf mich trifft das nicht zu.

Ich mache auch viele legale Sachen, ich mache eben alle möglichen Sachen, um meine Arbeiten zu zeigen, da ist es mir egal, ob es legal ist oder nicht. Es passiert mir oft, dass ich mit meiner Leiter und meinem Farbeimer herumlaufe und eine Wand malen will und dann kommt der Besitzer und ich frage ihn, ob ich ein Bild malen könnte und er dann sagt, kein Problem, go ahead. Viele Leute lachen dann, "ha, du machst nur legale Sachen", aber mir ist das egal, ich will durch meine Aktion verändern.

 

:Bist du beeinflusst von anderen StraßenkünstlerInnen oder Kunst im allgemeinen oder etwas ganz anderes? Was inspiriert dich?

Ich bin hauptsächlich von der Stadt selber inspiriert. Städte üben solch eine Fasziniation auf mich aus, wahrscheinlich weil ich aus einem kleinen Dorf komme. Ich starre alles an, laufe herum und fühle mich, als wenn ich alles um mich herum absorbieren würde, alles was ich sehe und höre.

Als ich nach New York gezogen bin, hat sich wirklich alles in meinem Leben verändert, auch die Art zu denken. Für mich wurde klar, dass Leben in der Stadt ein immens wichtiges Thema ist, einfach weil die Erde nicht größer wird und die Menschen auf der Erde aber immer mehr... Es wird immer wichtiger, dass die Menschen sich darüber verständigen, wie sie leben wollen und was lebenswerte, urbane Welten sind, also lebenwert auf allen Ebenen: sozial, praktikabel, ökoligisch nachhaltig und eben menschlich.

Für mich ist das Beste an Graffiti und Streetart, nicht der krasseste Style, sondern dass es die Erfahrung vom Leben in der Stadt visuell reflektiert und menschlich macht, oh und nicht die Farbe zu vergessen. Es mag sich vielleicht paradox anhören, von nachhaltigen Städten und Streetart in einem Atemzug zu reden, vor allem vor dem Hintergrund dieser ganzen Broken Window-Propaganda, aber für mich hat es sehr viel mit aktiver Partizipation zu tun und mit Menschen, die die Stadt nach IHREN Bedürfnissen ausrichten.

 

:Du hast also keine konkreten Einflüsse?

Oh richtig, wir waren bei dieser Frage. Natürlich, habe ich konkrete Einflüsse. Ich denke mein erster Einfluss kam von Gordon Matta-Clark, einer sehr interessanten Person, sehr radikal, sehr comunity-involviert. Er war dieser Typ, der in den 70ern in Abrissgebäude reinging, nur mit einer Kettensäge "bewaffnet" und diese unglaublich wunderschönen Skulpturen kreierte, die dann zerstört wurden. Darin lag soviel, was mich ansprach, einerseits einfach diese Schönheit, die er aus den physischen Elementen der Stadt schaffte, anderseits die simple Tatsache, dass er damit etwas schuf, was auf eine sehr schlaue Art und Weise mit dem was gerade passierte korresponiderte.

In den 70ern gab es in New York sehr viel Immobilienspekulation und gentrifikationsbedingte Verdängungsprozesse. Wenn er also in diese Strukturen ging und etwas Neues aus ihnen kreierte, was dann wiederum zerstört wurde, war das als ob dieses Werk niemals seine Relevanz erleben durfte. Ich fühle dasselbe über die Straße. über Streetart. Du arbeitest überall in der Stadt und es passiert einfach für eine Weile und dann wird es überklebt oder abgerissen. Ich denke, dass ich sehr davon beeinflusst wurde, etwas zu schaffen, das total situationsabhängig ist und was kein Objekt ist, das du mit nach Hause mitnehmen kannst, sondern dessen Aussage darin liegt, dass es im Moment da ist und dann ist es weg.

 

:Du machst das schon seit 4 Jahren. Siehst du eine Entwicklung in deiner Arbeit, wechselnde Themenkomplexe, wechselnde Materialien, wechselnde Styles?

Das Ganze hat sich wie eine Schneelawine entwickelt. Ich habe anfangen mit Postern, dieses eine kleine Poster und plötzlich wurde ich süchtig und machte weiter mit Stickern, wie besessen fing ich an selbstgemachte Sticker in der Stadt zu verkleben. Auf einmal fing ich an gezielt Werbeflächen zu bekleben und dann war da dieser Moment, der dein Leben verändert. Ich lebte in einer Straße, die gezäumt war mit Werbeflächen und ich dachte mir, wenn ich 20 meiner Freunde um 7 Uhr morgens mit 20 Riesenpostern hier zusammentrommeln würde - wir könnten diese ganze Straße an einem einzigen Tag verändern. Naja, es hat mich dann doch einige Monate gekostet, diese Aktion zu organisieren, aber schließlich passierte es dann. Es war wahnsinnig cool.

Ich glaube, in diesem Moment habe ich realisiert, wenn Leute zusammenkommen und zusammenarbeiten, können sie Großes schaffen. Auch wenn es vielleicht nicht ganz legal war, solange niemand wirklich zu Schaden kommt...und wenn das erstmal in einem größeren Rahmen passiert, ich meine, alle Menschen in der Stadt... jaja, ich träume.

Nach diesem Projekt, organisierte ich noch einige dieser Billboard-Events in New York und fing dann an Train Runs zu organisieren. Das läuft so, dass 4 oder 5 Leute nachts in die U-Bahn gehen und all diese Werbebanner in den Zügen mit Bildern oder Stickern von uns austauschen. Das tun wir immer noch recht oft.

Als nächstes fing ich an, darüber nachzudenken eine Straßenparty zu organisieren. Ich interessierte mich auf einmal für alles, was mit Stadt, öffentlichem Raum und Spiel zu tun hatte. Irgendwie kann man ja auch ALLES als ein gigantisches Spiel betrachten: Es gibt Start und Ziel, verschiedene Hindernisse, die man überwinden, Fallen, die man umgehen muss und plötzlich wurden all diese Dinge, wie diese Zeitungsboxen, aus denen man sich Zeitungen nehmen kann, Straßenschilder und Amplen für mich zu gigantischen Spielsachen. Ich entschied mich eine große, öffentliche Spielparty zu organisieren. Ich lud ein Piratenradioprojekt ein, von einem Dach aus eine Liveberichterstattung des Ganzen zu machen und rief die Leute dazu auf Ghettoblaster mitzubringen, um ein dezentralisiertes Soundsystem zu bilden und so feierten wir eine riesige Straßenparty. Damals begann ich zu fühlen, dass ich diese visuellen Sachen, die ich bisher gemacht habe, in irgendeiner Form, relevant für andere, materialisieren möchte. Sodass sie sich angeregt fühlen, aktiv zu werden, bewusster darüber, wie sie in der Stadt leben, dass sie sich denken, oh ich werde heute nicht in diese Bar gehen und abhängen, ich will etwas eigenes schaffen.

Irgendwann stellte sich heraus, dass der Kern dieser Aktivitäten immer aus den selben 4-5 Leuten bestand und deswegen gründeten wir ein Kollektiv und nannten es Toyshop, um zusammen verschiedene solcher Projekte zu organisieren. Neulich haben wir einen Monat damit verbracht Müll und Schrott von den Straßen von New York zu sammeln, um daraus Trashs-Instrumente zu machen. So kreierten wir ein 200-Mann Trash-Orchester mit gigantischen Xylophonen und Trommeln. Hunderte von wildfremden Leuten kamen und wir formierten diese verrückte Trash-Parade, die an einem Nachmittag die Lower Eastside übernahm und in einer großen Party endete. Für mich markiert das diesen Bewusstwerdungsprozess, weißt du, all die Menschen, die sich irgendwie unbehaglich fühlen in der Stadt, in der Gesellschaft in der sie leben und wollen eine aktive Rolle spielen, indem sie andere Wege erforschen..

 

:..Alternativen suchen..

Ja, aber mehr so etwas wie eine aktive Alternative. Das ist nämlich ein großes Thema in den USA, weil all diese Leute so "entertain me, entertain me!"-mäßig drauf sind. Ich denke, wenn wir uns in solchen Situationen selber empowern können, diese kleine Welt in der wir leben aktiver gestalten, dann können wir Modelle dafür schaffen, wirklich aktiv in ganz anderen Situationen zu sein, wenn du verstehst was ich meine. Ich arbeite also mit solchen Dingen daran, eine bessere Welt zu schaffen.... (lacht) Oh Gott, das hört sich ja total größenwahnsinnig an..!

 

:Naja, es ist sehr idealistisch. Ich mache nun schon seit mehr als 10 Jahren politische Arbeit und ich habe festgestellt, dass es immer sehr aufregend und spannend ist, mit vielen Leuten an einem großen Projekt zu arbeiten, aber das Problem ist, wenn das Projekt vorbei ist, gehen alle Leute wieder ihrer Wege. Es ist ein großes Problem für politische Bewegungen Kontinuität zu erzeugen, was ja sehr wichtig ist. Politische Basisarbeit, wie z.B. in der Comunity ist sehr aufreibend und langweilig, doofe Treffen zu machen noch viel mehr, aber es ist eben notwendig und viele Leute wollen das nicht.

Ja, ich weiss, was du meinst. Das ist echt ein großes Problem und ich weiß auch keine Lösung darauf... Bei uns ist das auch so, dass viele Leute gerne zu den events kommen, aber bei unseren Treffen sind wir auch immer dieselben üblichen Verdächtigen. Es hat eben wirklich keiner Lust seine Abende bei langweiligen Treffen abzusitzen.

Nach dem 11. September, war ich auf einem Treffen der Gruppe "New Yorker say no to war" und es waren sehr viele Leute da und die Organisatoren sagten zu Beginn: "Wow es ist schön so viele Leute hier zu sehen, aber wo wart ihr alle die ganzen Jahre über? Wir haben euch nicht gesehen seit der Aids-Krise oder seit der WAC (Womens Action Coalition)." Das heisst, die Leute waren nicht aktiv seit den 80ern, oder sie waren damals vielleicht sehr aktiv, aber hatten danach keine Energie mehr. Viele Leute kommen jetzt zu uns, und sagen: "Cool, ihr macht diese politischen Slogans von "action speak louder than words" und "take active as tactics" wahr", aber wir haben ganz oft gar keine direkten politischen Anliegen, uns geht es eher darum einen Moment zu kreieren, der in ganz viele Richtungen und Aktionen führen kann...

 

:Womit wir wieder beim Punkt Aneignung wären. Da gibt es nämlich noch die andere Seite von Aneignung, die mich interessiert. Der traditionelle Kunstmainstream scheint sich ja immer mehr für Street Art zu interessieren, was man auch in der Ausstellung sehen kann, aber auch daran, dass die ästhetik des Mainstream sich immer stärker Elementen von Street Art und Graffiti bedient oder sie imitiert. Street Art aber zeichnet aus, dass sie auf der Straße passiert und aus bestimmten Gründen nicht in den geschlossenen Räumen der Kunst oder Galerie. Anderseits ist es eine gute Sache, damit Geld zu verdienen und bekannt zu werden. Was denkst du über dieses Dilemma und hast du auch das Gefühl, dass die Kulturindustrie versucht die Szene zu vereinnahmen?

Oh mein Gott, die Kulturindustrie versucht auf sooo vielen Wegen mitzukriegen, was gerade abgeht. Ich bin schon unzählige Male direkt und indirekt von Nike angesprochen worden, dass es schon lächerlich ist. Entweder kommen diese Anzuträger Art Direktoren mit den dicken Geldkoffern zu mir und sagen: "Hey, ich arbeite an diesem Projekt bei Nike und ich liebe deine Sachen, hast du nicht Lust was für uns zu machen, blablaba.." Oder so "coole" Typen hauen mich an, "hey, wir haben dieses gaaanz informelle Meeting bei Nike, warum kommst du nicht mit deinen Leute vorbei und wir setzen uns ganz relaxed zusammen, machen ein brainstorming und schauen ob wir nicht Ideen austauschen können..." Und ich sage ihnen immer: "Hör bitte auf so eine Scheisse zu reden, warum verpisst du dich nicht einfach?" Es ist wirklich eine ganz perfide Maschine, die versucht sich in alle möglichen Subkulturen einzuschleichen, wie Naomi Klein es schon beschrieben hatte. Aber diese Backjumps-Show z.B., wo ich gerade mitmache, wird organisiert von einem jungen Typen, Adrian Nabi, der von Sozialhilfe lebt und sein ganzes Leben lang schon in HipHop involviert war, das ist also wirklich ehrlich und seriös. Auf der anderen Seite ist es auch ein Beispiel dafür, wie sehr Streetart aus diesem Mikrokosmos der Straße entwachsen ist und eine eigene Kultur geworden ist.

Ich habe dieses Dilemma mit Arbeiten-in-Gallerien-ausstellen schon seit längerer Zeit und ich versuche nicht immer abzulehnen, damit ich mich nicht so von diesen Strukturen isoliere. Deswegen habe ich dieses Street Art Exchange Projekt "Indivisible Cities" ins Leben gerufen, was auch Teil dieser Ausstellung hier in Berlin ist. Ich dachte, das ist besser, als die Arbeiten, die ich auf der Straße mache, eins zu eins ins Museum zu stellen. Das wäre irgendwie so, wie Werbung dafür zu machen, was auf der Straße passiert und diesen Gedanken finde ich schrecklich. Als ich gefragt wurde, ob ich an dieser Ausstellung teilnehmen will, dachte ich, es könnte interessant sein, wenn ich versuche einen größeren Teil der Szene mit hinein nehme, sodass auch sie davon profitieren können. Ich fragte mich, was passieren würde, wenn ich einen Aufruf an die "internationale Comunity" starte, -also an alle Leute, die ich kenne, die irgendwo auf der Welt Kunst im urbanen Raum machen,- dass sie mir Sachen schicken sollen und ich daraus etwas Interaktives für die Ausstellung zusammenstelle.. sodass es zwar indirekt eine Ausstellung meiner Arbeit ist, aber wiederspiegelt, dass meine Arbeit vom Zusammenspiel mit Anderen lebt und dadurch erst wirklich wird und wirkt - UND das alle Leute mitmachen können.

 

:Um noch mal darauf zurückzukommen, du würdest deine Kunst also niemals verkaufen?

Na ja, sagen wir mal nicht an Nike. Ich bin auch schon oft von anderen Art Direktoren für andere Sachen angesprochen worden und einmal war da dieses amerikanische Unternehmen "American Apparel", so ein sozialverantwortliches Bekleidungsunternehmen, mit denen hätte ich schon gearbeitet. Ich musste dann absagen, wegen dieser Ausstellung hier, aber prinzipiell habe ich keine Probleme damit ein Unternehmen zu unterstützen, was eine gute Unternehmensethik hat. Ich habe auch schon Cover für kleine Plattenlabel von Bekannten gemacht.

 

:Ich habe mit LOKISS über dieses Thema gesprochen und er sagte mir, dass er zwischen seiner eigenen Kunst und zwischen Sachen, die er für die Industrie macht, unterscheidet. So hat er genug Geld um seine eigenen Sachen zu realisieren. Mittlerweise hat er auch verschiedene Stile dafür entwickelt, die er strikt trennt.

Das ist echt ein schwieriges Thema, ich habe diesen Weg auch oft überlegt. Als dieser Nike-Typ mich ansprach, bin ich, ehrlich gesagt, fast zusammengebrochen. Wir haben eine Woche lang über e-mail kommuniziert und obwohl ich durchweg ablehnte, hat er versucht mir ständig neue Angebote zu machen, von wegen: "Wir machen Shirts und da steht nirgendwo Nike drauf und du bekommst soviel Geld wie du willst, blabla.." Und ich bin fast zusammengebrochen, weißt du, ich bin seit 6 Jahren Kellnerin und ich bin es so leid. Ich möchte wirklich, dass ich irgendwann von meiner Arbeit leben kann, aber natürlich will ich meine Sachen nicht ausgerechnet Nike geben.
Sachen, wofür ich mir Jahre lang den Arsch aufgerissen haben und die sie dann einfach besitzen würden. Also entschied ich mich dagegen. Nike ist eben ein Symbol für Scheisssunternehmenspolitik und Sweat Shops und so. Aber ich habe mich nicht prinzipiell dagegen entschieden.

Ich mache mir seitdem verstärkt Gedanken darüber, wie ich auf anderen Wegen von meiner Kunst leben könnte. Manchmal mache ich jetzt Auftragsarbeiten, so blöde Portraits von Leuten gegen Geld, aber das ist ein Job für mich und nicht Teil meiner Kunst.

 

:LOKISS war sehr sarkastisch und sagte "Eigentlich kannst mich eine Industriehure nennen, weil ich meine Seele an sie verkaufen. Aber auf der anderen Seite trickse ich sie auch aus, weil ich viel zu viel Geld von ihnen verlange, viel zu viel für die Zeit und Energie, die ich tatsächlich aufwende. Sie beuten mich zwar aus, aber ich benutze sie auch."

Ja das passt zu LOKISS. Ich habe auch angefangen, meine Sachen für lächerlich viel Geld zu verkaufen, so habe ich diesen Trip hier finanzieren können. Das ist eben diese Kunstschiene und eine Art des überlebens. Außerdem denke ich, wenn irgendwelche Leute meine Sachen in ihrem Wohnzimmer hängen haben, ist es letztlich eine nette Sache. Und wenn sie es sich leisten können, gut für sie, dass sie mich unterstützen können.

 

:Also siehst du dich in 20 Jahren als anerkannte "echte" Künstlerin, die überall auf der Welt ihre Shows hat. So wie Barbara Krueger , die ja auch als Anti-Werbe-Künstlerin angefangen hat und mittlerweile nur noch ausstellt. Irgendwie wirst du es ja jetzt schon, du reist um die Welt und stellst international aus ..

Wie gesagt, ich habe Kunst studiert und das wäre eben diese Kunstschiene. Ich habe mit dem malen angefangen als ich 10 Jahre alt war und ich habe lange Zeit diesem Kunstmythos angehangen, von wegen hohe Kunst und so. Erst vor 4 Jahren hatte ich diesen Breakdown, dass ich mich total fehl am Platz gefühlt habe in dieser Große-Geld-Kunst-Welt in New York und angefangen habe, etwas anderes zu machen. Ich wollte, dass meine Kunst relevanter für das echte Leben und mein alltägliches Leben wird und so wurde ich zum Teil der Straße. Ich denke auch, dass ich diesen Weg noch ein Weilchen gehen werde. Aber ich will mich nicht begrenzen. Letztens habe ich diesen New Yorker Künstler WK Interact getroffen, der auch als Straßenkünstler angefangen hat und nun eine eigene Gallerie besitzt und im Prinzip seit Jahren dasselbe macht. Er sagte mir: "Oh ich liebe deine Sachen, bitte ändere dich nicht!" Und ich sagte ihm, "Fuck you, ich werde mich so oft ändern wie ich will." Weißt du was ich meine? Mir ist es wichtig in und mit der Comunity zu arbeiten, in der ich lebe, und so viele Stile auszuprobieren, wie ich kann. Ich möchte nicht so enden, dass ich nur in Museen und Gallerien arbeite. Aber ehrlich gesagt, ich sehe viele dieser Sachen als überlebensstrategie und wenn es mich dahingehend unterstützt, dass ich meine Sachen weiterhin auf der Straße für umsonst weggeben kann, dann umso besser.

 

 

:Du bist auch eine der wenigen weiblichen Künstlerinnen der Ausstellung, ist dir das aufgefallen? Ich finde es immer komisch, weil ich nicht weiss, ob ich dieses Thema ansprechen soll, zumal die "Kunst" im Vordergrund steht und nicht das Geschlecht, anderseits fällt es einfach auf, dass es eine sehr männlich dominierte Kultur ist. Dabei ist Street Art eigentlich ein interessantes Medium, weil der/die KünstlerIn an sich unsichtbar bleibt.

Gerade heute habe ich eine E-mail von einer Frau bekommen, die gerne ein Female-Festival zu Street Art organisieren wollte, weil es so wenig Frauen in der Szene gibt und ich glaube ich werde ihr absagen, weil ich nicht wirklich daran interessiert bin mich als Frau in den Vordergrund zu stellen und diese Tatsache so zu betonen. Ich muss immer an dieses Zitat denken, dass zu mir gesagt hast, dass wir als Frauen, als Feministinnen für die Abschaffung dieser Kategorie kämpfen sollten. Ich weiss, dass viele Leute beeindruckt davon sind, dass ich eine Frau in einer männerdominierten Szene bin, aber ich möchte nicht, dass das wichtiger wird als meine Arbeit an sich. Anderseits setzen immer noch viele Leute - die nur meine Arbeit, aber nicht mich kennen - voraus, dass ich ein Mann bin, was mich sehr ärgert, - schlicht und ergreifend deshalb, weil sie sich nicht vorstellen können, dass auch Frauen aktiv sind.

 

:Mir ist aufgefallen, dass du sehr darum bemüht bist, deine Kunst weiterzuvermitteln, Leute dazu anzuregen, selber etwas zu tun, beispielsweise in workshops. Viele Graffiti Writer jedoch legen sehr großen Wert auf ihren Style oder haben Trademarks, damit sie nicht imitiert werdern. Was denkst du darüber, wenn Leute versuchen deinen style nachzumachen? Hast du sowas wie einen Originalitäts-Stolz?

überhaupt nicht. Letztens bei dem workshop in Berlin hat mich auch jemand gefragt, wie ich darüber denke, wenn Leute meinen style kopieren und ich habe gelacht und gesagt, dass ich Scherenschnitte erstens nicht erfunden habe, das haben die Chinesen schon vor Jahrhunderten gemacht und dass es mir zweitens nicht gehört. Was mich im Moment wirklich interessiert sind Systeme der Kooperation und der gegenseitigen Hilfe unter Menschen. Deswegen habe ich auch dieses Austausch-Projekt ins Leben gerufen, damit die Leute ihre Arbeit und damit auch ihre Gedanken und Ansichten, teilen. Ich habe auch diesen Stadtspaziergang im Rahmen dieser Ausstellung gemacht, der darauf basierte, dass schon ganz früher die Landstreicher über Kreidezeichen an den Wänden kommuniziert haben, was für mich eine sehr spannende Form der selbstlosen, aktiven, gegenseitigen Unterstützung und Kommunikation darstellt. Ich möchte gar keinen wiedererkennbaren, einheitlichen Style haben, deswegen unterzeichne ich auch viele meiner Arbeiten gar nicht.

 

:Welche Beziehung hast du zur Graffiti-Szene?

Eine sehr seltsame. Einige meine Freunde sind Writer, auch in Berlin z.B., Akim und Zast, die ich sehr toll finde, weil sie versuchen etwas in der Graffiti-Scene zu verändern. Aber ich habe keinen Graffiti-Background und war niemals eine Taggerin, ich komme also von einem ganz anderen Ansatz. Ich begann mit 21, was ziemlich spät ist und ich wusste, ich habe nicht viel mit Graffiti zu tun, was nicht heisst, dass es mich nicht interessiert. Ich liebe Graffiti, es inspiriert mich, aber ich fühle mich der Graffiti Szene nicht zugehörig, obwohl ich oft zusammen mit ihnen auf der Straße arbeite.

Ich bekomme aber auch sehr viel Kritik von Graffiti-Writern, besonders in New York. Es gibt halt diese "konservativen" Writer, die meinen es gäbe strikte Regeln für Graffiti und sie mögen es nicht, wenn man über ihre Sachen geht und das kann ich auch verstehen. Es ist auch irgendwie seltsam, dass ich überhaupt in dieser Ausstellung bin, aber ich denke, dass interessante an dieser Show ist, dass sie versucht verschiedene Arten von Street Art zusammen zu bringen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Aber ich verspüre keinen Druck, dass ich street credibility brauche oder so, weil ich weiss, dass meine Arbeit ehrlich ist und dass ich hart dafür arbeite und es viele Leute anspricht.

Gerade neulich sagte jemand so etwas nettes zu mir, was vielleicht das beste Kompliment ist, was ich je bekommen habe und zwar sagte er, dass seine Mutter zur Backjumps-Show kam, weil sie meine Sachen auf der Straße gesehen hat und mag und sie hätte sich all diese Graffiti-Sachen der Ausstellung angeschaut und wäre begeistert gewesen. Er sagte, wenn du es schaffst eine 60jährige zu so einer Ausstellung zu bringen und sie zu begeistern, hast du deine Sache gut gemacht. Ich war sehr stolz, als er das sagte.
 

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