Das Graffitiarchiv zu Besuch in Voronezh/Russland

Wer russisches Graffiti sagt, meint ja oft die Klischees: Wholecar-Schläger, 3d-Fitzel-Nerds und Filzstiftgraffiti auf nackten Mädchen. Das ist es, was das Internet aus der russischen Graffitiszene so nach Deutschland spült, aber der Alltag ist ja meistens ganz anders.

 

 

Nach der Landung in Moskau sind das Erste, was wir sehen, jede Menge Hakenkreuze entlang der Zugstrecke, ansonsten ein dunkelgrüner Wellblechzaun, der anscheinend das Einheitsmodell für ganz Russland zu sein scheint. Außerdem hunderte Schornsteine der Garagen, in denen die Russen im Winter anscheinend viel Zeit verbringen. Die ersten freshen Silberpieces tauchen auch bald auf: Rasco, Utop, Slack.

 

 

Mit dem Nachtzug geht’s nach Voronezh („Woronesch“), wo wir schon das erste mal auf die russischen Oben-ohne-Männer treffen, die uns in der nächsten Woche noch öfter begegnen werden. Die Stadt liegt im äußersten Südwesten Russlands, gar nicht weit vom Schwarzen Meer. Eine Million Einwohner, aber keiner kennt's. Berühmt ist sie wohl für ihr Softeis, ihre Kriegsschiffe und den ersten russischen Fallschirmsprung. Viel Graffiti sieht man nicht. Später erfahren wir, dass immer im Frühling gemeinschaftliche Putzeinsätze dagegen stattfinden („Subotnik“).

 

 

Das „Hier“-Festival findet zum ersten Mal statt, soll russische und europäische Graffitimaler zusammenbringen und nebenbei ein bisschen Werbung für die Menschenrechts-Organisation „Youth Human Rights Movement“ machen, die gerade richtig Ärger hat, weil sie sich nicht als „ausländische Agenten“ registrieren lassen möchte, wie es die Regierung unter Putin gern hätte. Vor kurzem gab es hier eine Demo für die Rechte Homosexueller: fünf TeilnehmerInnen wurden von 500 wütenden Gegendemonstranten attackiert.

 

 

Außer uns ist noch das Künstlerkollektiv „Threehouse“ aus Leipzig/Dresden angereist. Aus Sankt Petersburg ist Nikita Nomerz gekommen (der Gesichter auf Türme malt) und Petro von der Aesthetics Crew aus Moskau, der ein Faible für knallbunte abstrakte Buchstaben hat. Am ersten Abend malen wir zusammen mit den Locals ein paar Stellwände auf dem zentralen Platz der Stadt. Viele malen gefällige Sachen wie 3d-Papageien oder einen Hummer mit Perlenkette, der sich gut als Kulisse für die knutschenden Pärchen am beleuchteten Springbrunnen eignet.

 

 

Danach werden wir von einigen Oldschool-Writern auf eine Autofahrt durch die Stadt eingeladen, auf der wir nicht nur aufwendige Graffitiproduktionen gezeigt kriegen, sondern auch russische Wandbilder aus der Sowjetzeit. Für die Maler hier scheint das eine richtig wichtige Tradition, in die sie ihre eigenen Wandbilder stellen. Für illegales Graffiti scheinen sie nicht viel übrig zu haben. Wer hier King sein will, muss fotorealistisch malen können.

 

 

Auf dem Festival gibt es an vier Tagen Vorträge, Workshops und insgesamt vier große Wandproduktionen in der Stadt. Die Polizei macht nur am ersten Tag Ärger, sie sind nur auf der Suche nach Gründen für ein Bußgeld. Wer sein „straf“ bezahlt, hat Ruhe (ein schönes deutsches Wort im Russischen wie „Schlagbaum“, „Kommandant“, „Gas“ oder „Butterbrot“ - Sprühdose heißt übrigens „Balonschiski“ oder so). Wir hören von niemandem, der für Graffiti ins Gefängnis gegangen wäre, denn bevor es ernst wird kann man sich immer noch freikaufen.

 

 

Während wir unsere Wand malen kommen noch drei weitere Vertreter irgendwelcher dubiosen Institutionen, die unsere Erlaubnis sehen wollen. Auch bei der Motivwahl waren wir nicht wirklich frei. Die Veranstalter hatten uns nahegelegt, auf Regenbögen zu verzichten und auf jegliche Anspielungen auf Pussy Riot, weil sonst Ärger mit den Behörden vorprogrammiert sei. Den normalen Leuten gefällt unser Bild wohl ganz gut, auch wenn sie das leider nicht mit ihren Gesichtern zeigen können.

 

 

Nach dem Vorzeichnen hat eine Anwohnerin auch schon bei der Zeitung angerufen und gesagt, dass deutsche Graffitisprüher riesige Hakenkreuze auf ihre Fassade malen würden. Für die Onlinezeitung war das eine prima Schlagzeile und die Zeitung hat dann auch über das fertige Bild berichtet, Hakenkreuz gab's natürlich keins. Voronezh ist übrigens auch bekannt für eine Ufo-Landung in den Achtziger Jahren, über die die Zeitungen damals auch ausführlich berichteten.

 

 

Im Erdgeschoss des Hauses, das wir anmalen, ist ein illegaler Wodka-Ausschank, was wir erst am zweiten Tag bemerken, als immer mal schwankende Männer mit Einkaufstüten voller 1,5-Literflaschen aus dem Gebüsch kommen. Eine Nachbarin erzählt, es seien auch schon welche von dem Zeug gestorben, aber die Ladeninhaberin weiß wohl, wen sie schmieren muss.

 

 

Unser „Kosmonaut“ wird nach zweieinhalb Tagen fertig und wirkt wie Neuausgabe sowjetischer Propagandakunst mit knalligeren Farben. Außerdem steht er ganz gut im Kontrast zu dem poppigen „3ABTPA“-Schriftzug („Morgen“), der die stille Sehnsucht vieler Russen nach dem westlichen Lifestyle signalisieren soll. Das Wandbild richtet sich auch gegen das Russland von gestern, das zurzeit besonders von Putin wieder gefeiert wird. So wird der Miami-Lifestyle zu einer subversiven Botschaft im Hier und Jetzt.

 

 

Als das Flugzeug am nächsten Tag abhebt, klatschen wir ab, „yeah, nicht verhaftet, nicht verprügelt“. Schön war's.

 

 
 
 
Mehr Fotos aus Voronezh gibt es hier auf RYC zu sehen.

 

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