Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben

"Bis 2014 soll der Bezirk Berlin Friedrichshain-Kreuzberg werbefrei sein" - Dieses Ziel hat sich das Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben gesetzt. Den Start machte die Initiative am 25. April 2013 mit einer feierlichen Eröffnung an der Kreuzberger Cuvry-Brache.

RYC sprach mit Ihnen über Konsumkritik und weisse Wände.

 

 

:Sehr Geehrte Damen und Herren des Amts für Werbefreiheit und Gutes Leben. Mit Interesse haben wir Ihre Eröffnung beobachtet. Was will das Amt eigentlich?

Das Amt will das "Gute Leben" in den Städten erfahrbar machen. Wir haben uns gefragt: Was verhindert Nachhaltigkeit, globale Gerechtigkeit, Bewusstsein, Muße und den Fokus aufs Wesentliche? Unsere Antwort: Werbung! Denn sie schafft Bedürfnisse, wo vorher keine waren. Werbung gibt uns das Gefühl der Unzulänglichkeit und des Mangels, obwohl wir doch genug haben. Werbung manipuliert. Und Werbung suggeriert, dass wir durch Konsum glücklich werden. Stimmt aber nicht: Freie Zeit, Tätigkeiten mit Sinn und soziale Beziehungen ermöglichen Zufriedenheit!

Da haben wir gesagt: Weg mit der Werbung im öffentlichen Raum. Wir fangen schon mal an. Dort, wo viele von uns leben und arbeiten. Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

 

 

:Aha, hochgesteckte Ziele. Wie wollt ihre diese erreichen? Auf welchen Ebenen geht ihr vor?

Uns geht es auch darum, dass der Öffentliche Raum nicht mehr ein Ort des Konsums, sondern der Bürger*innen wird. Wir beginnen einen Prozess, in dem die Menschen, die hier wohnen, selbst entscheiden sollen, wie ihr Bezirk aussieht, und nicht Großkonzerne. Stichwort: Partizipative Stadtgestaltung. Freiraum. Bürger*innenbeteiligung. Natürlich setzen wir uns auch mit der Lokalpolitik in Verbindung und loten die Möglichkeiten zur Abschaffung bzw. Reduktion von Außenwerbung aus. Die Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung in Friedrichshain-Kreuzberg, an die wir herangetreten sind, sind teilweise richtig begeistert.

Aber all das machen wir, um auch über Berlin hinauszuwirken: Wir wollen, dass in der deutschen Öffentlichkeit endlich über die Dominanz und geduldete Normalität von Außenwerbung in unseren Städten gesprochen wird. Durch kreative Aktionen und ein mediales Gegengewicht versuchen wir, Diskussionen anzuregen. Auch bei jedem einzelnen. Letztendlich geht es uns um die Bedürfnisse und die Frage: Was brauchst Du wirklich?

 

 

 

:Es gibt international Vorbilder für werbefreie Städte. Wie verlief dort der Prozess der Befreiung von Werbung?

Das Paradebeispiel ist sicher Sao Paulo in Brasilien. Dort wurde 2007 auf Initiative des Bürgermeisters Gilberto Kassab - also von oben – die Werbung im öffentlichen Raum abgeschafft. Über 70% der Bevölkerung haben das Lei Cidade Limpa (portugiesisch: Gesetz für eine saubere Stadt) unterstützt. Im Vordergrund stand für Kassab nämlich, der "Visual Pollution" durch Werbung die Stirn zu bieten.

Auch in anderen Städten gibt es Graswurzelinitiativen zur Abschaffung von Außenwerbung. Beispielsweise in Zürich (http://www.plakat-raum-gesellschaft.ch/) oder in Köln. Hier machen sich die Grünen für eine Reduktion stark (http://www.gruenekoeln.de/ratsfraktion/neuer-werbenutzungsvertrag-fuer-koeln.html).

In Weimar ist beispielsweise aus Gründen des Denkmalschutzes Werbung im Altstadtkern so gut wie unmöglich. Wir sehen also: Es gibt eine zarte Bewegung, die all diejenigen vertritt, die genug haben vom "Mehr, Mehr, Mehr" der Werbung und der Verschandelung unserer Umwelt.

 

 

:Ihr kritisiert Werbung als visuelle Verschmutzung im Stadtraum, aber auch auf einer konsumkritischen Ebene. Welche Bedürfnisse hat die Stadt der Zukunft in Ihren Augen?

Wir orientieren uns am Slogan "Niemand soll immer mehr haben wollen müssen" von Uta von Winterfeld, einer Nachhaltigkeits- und Suffizienzforscherin. So, wie unsere Gesellschaft heute funktioniert, ist alles auf Wachstum ausgelegt. Das kann aber nicht gut gehen: Schon heute verbrauchen wir ja viel mehr "Ressourcen" - was für ein Wort – als unser Planet überhaupt "hergibt". Und soziale und ökologische Bedingungen der Produktion, meist im Globalen Süden, sind uns dabei ja völlig egal. Kritischer Konsum ist zwar nett, funktioniert aber nicht.
Das System des Immer Mehr ist das Problem. Aus dem wollen wir raus. Und es gibt ja genügend Alternativen, die in der Werbung nicht vorkommen.

Das fängt bei der Schenken-Tauschen-Leihen-Bewegung an, mit Carsharing, gemeinschaftlichem Konsum, mehr Eigenversorgung, und geht weiter hin zu anderen Aspekten einer "Postwachstumsökonomie" wie Arbeitszeitverkürzung, regionale Wirtschaftskreisläufe. Das Gute Leben kann nur ein entschleunigtes sein. Und so stellen wir uns auch die Städte der Zukunft vor: Kurze Wege, mehr Zeit, demokratisches Entscheiden, mehr Selbstversorgung, weniger Fremdbestimmung.

 

 

:Was sind Eure nächsten Aktionen und wie können euch Menschen unterstützen?

Wir haben einiges vor. Politisch wollen wir einen Einwohner*innen-Antrag an die Bezirksverordnetensammlung Friedrichshain-Kreuzberg stellen, um die größtmögliche Reduzierung von Außenwerbung zu fordern. Dazu brauchen wir mindestens 1000 Unterschriften und natürlich helfende Hände, die dabei sind, diese Unterschriften zu sammeln.

Aber uns ist auch wichtig, Diskussionen anzuregen. Dazu wird es am 22. Mai einen ZEDRA im d.collective in Neukölln geben: Zunächst-Essen-dann-Revolution-Abend. Und im Juni planen wir Bürger*innenversammlungen im Bezirk, um die Frage nach den Alternativen zu stellen: Keine Werbung mehr - was dann?

Das tolle ist: Wir sind ein Mitmach-Amt. Jede*r kann mitmachen, also checkt mal unsere Social-Media-Präsenzen (Facebook: Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben; Twitter: amt_werbefrei; Web: www.amtfuerwerbefreiheit.org) oder schreibt uns eine E-Mail: info@amtfuerwerbefreiheit.org!

 

:Vielen Dank für dieses Interview!